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Rivermont Avenue Baptist Church

Rivermont Avenue Baptist Church

 

Feldbericht von Jessica Jansen

(Aufenthalt: 13.-17. April 2006)

 

INHALT:

  1. Strukturelle Einordnung
  2. Entwicklung und Gemeindeleben
  3. Die Mitglieder
  4. Der Karfreitagsgottesdienst
  5. Der Keltische Ostersonntagsgottesdienst

  6. Persönlicher Eindruck

 

1. Strukturelle Einordnung

Die Rivermont Avenue Baptist Church sieht sich selbst als eine von zwei liberalen Baptistenkirchen in Lynchburg, weshalb sie sich von den Ansichten der Southern Baptist Convention abgrenzt.  Sie ist Teil der Baptist General Association of Virginia, der Baptist Heritage Society,  der Cooperative Baptist Fellowship, der Lynchburg Baptist Association, sowie der Interfaith Outreach Association. Medial vertreten sieht die Gemeinde sich in der interstaatlichen Zeitschrift „Baptists Today“

Dieses involviert sein in unterschiedlichste Organisationen zeigt die große Kooperationsbereitschaft der Rivermont Avenue Baptist Church. Dies äußert sich nicht nur auf der nationalen Ebene sondern auch in der direkten Zusammenarbeit mit Kirchen innerhalb Lynchburgs. So hält die Gemeinde in regelmäßigen Abständen einen Gottesdienst zusammen mit  der afroamerikanisch dominierten  Rivermont Baptist Church ab.

Zu  den Glaubensgrundsätzen der Gemeinde gehört, dass die Bibel nicht als ein starr zu interpretierendes Werk betrachtet werden kann, sondern im Wandel der Zeit gesehen werden muss. Interrassische Kommunikation, die Gleichberechtigung von Frauen in kirchlichen Ämtern, sowie die Trennung von Kirche und Staat gehört nach Ansicht der Gemeinde zu den Dingen, die dem Wandel der Zeit angemessen sind.

Zu einigen kontrovers diskutierten Themen wird keine Stellung von der Gemeinde bezogen, so zum Beispiel zum Thema Homosexualität.

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2. Entwicklung und Gemeindeleben

Die Rivermont Avenue Baptist Church, ist eine für amerikanische Verhältnisse alte Gemeinde, was bedeutet dass sie schon im 19. Jahrhundert gegründet wurde. Die Gemeinde verfügt über ein sehr großes Kirchengebäude.

Dieses befindet sich – wie der Name der Gemeinde bereits erahnen lässt – an der Rivermont Avenue. Diese Strasse zählte zum Zeitpunkt der Gemeindegründung zu den wohlhabendsten Lynchburgs. Die Gemeindemitglieder rekrutierten sich zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich aus Anwohnern. Im Laufe der Zeit, vor allem in den 60er Jahren, kam es zu einer starken Veränderung der Sozialstruktur in diesem Gebiet Lynchburgs. Die wohlhabenden Familien zogen in die Vororte und in deren alte Häuser zogen viele farbige Großfamilien.  Durch diese Abwanderung des, für die Gemeinde wichtigen Klientels, kam es zu einem erheblichen Rückgang der Mitgliederzahlen und somit auch zu einer existenzbedrohenden Finanzknappheit, die unter anderem zur Folge hatte, dass das Kirchengebäude zu verkommen drohte.

In den 80er Jahren begannen die Verantwortlichen damit, sich Rettungsmaßnahmen für ihre Kirche zu überlegen. Es standen zwei grundsätzliche Möglichkeiten zur Debatte:

  • Sie verlegen die Gemeinde in einen der Vororte und lassen ihr Kirchengebäude zurück um ein modernes zu errichten. Oder
  • Sie beginnen durch Promotion und Nischenangebote neue Mitglieder zu werben,  sanieren das Kirchengebäude und bauen einen Parkplatz, damit eine Expansion in den Mitgliederzahlen überhaupt möglich wird.

Diese existenzielle Entscheidung wurde den Mitgliedern überlassen, diese stimmten mit großer Mehrheit für die zweite Option. Der Plan wurde auch genauso umgesetzt. Das Kirchengebäude wurde sehr aufwendig saniert und ein Grundstück wurde gekauft, auf welchem der neue Parkplatz entstand.

Um eine Mitgliedschaft in dieser Gemeinde attraktiv zu gestalten, wurden neue Formen des Gottesdienstes entwickelt: So gibt werden seit ca. 15 Jahren drei unterschiedliche Gottesdienstformen angeboten: Den Traditionellen, den Modernen und als Besonderheit den Keltischen. Außerdem wurde  das so genannte „ Soul Cafe“ ins Leben gerufen. Das „Soul Cafe“ ist in einem der Gemeinderäume aufgebaut worden. Hier findet jeden Mittwoch ein Konzert statt dabei gibt es etwas zu essen und manchmal auch Gespräche bis tief in die Nacht. Inzwischen hat sich auch eine „Soul Cafe“-Band aus den Mitgliedern formiert.

Besonders stolz ist die Gemeinde auf ihren „Connecting Point“, sowie auf ihre große integrative „Child Care“ Abteilung.

Als Besonderheit des „Connecting Point“ gilt, dass er nicht explizit zur Kirchengemeinde gehört. Er befindet sich in einem gesonderten Gebäude und es wird nirgends auf die Rivermont Avenue Baptist hingewiesen. Dies wird gemacht, damit die Menschen, die das Angebot dort nutzen, sich nicht unter dem Druck fühlen sich an die Gemeinde binden zu müssen.

Der „ Connecting Point“ bietet unter anderem die Möglichkeit sich umsonst mit Secondhand Klamotten zu versorgen. Außerdem  bietet ein Friseur in regelmäßigen Abständen kostenfrei seine Dienste an, und auch  Musikunterricht und Bibelstunden für Nicht-Gemeindemitglieder werden angeboten. Die nächste, sich noch in Planung befindliche, Erweiterung wird die Einrichtung eines Computerraums sein. Hier soll Schülern die Möglichkeit gegeben werden ihre Hausaufgaben unter Aufsicht zu erledigen.  

Die „Child Care“ Abteilung (Early Learning Center) expandiert fortlaufend, was ihrem guten Ruf geschuldet ist. Es werden dort  Kinder vom Säuglings- bis ins Hortalter betreut. Der Schwerpunkt liegt aber bei Kindern im Vorschulalter. Eine Mitgliedschaft der Eltern in der Gemeinde ist hier keine Vorraussetzung für die Aufnahme eines Kindes. So ist der Prozentsatz afroamerikanischer Kinder im „Child Care“ wesendlich höher als in der Gemeinde. Die größte Besonderheit liegt jedoch in der Tatsache, dass körperlich- und geistigbehinderte Kinder in die Gruppen integriert werden.

Darüber hinaus bietet die Gemeinde eine Vielzahl an Möglichkeiten sich aktiv im Gemeindeleben zu integrieren. Vor allem die Mannigfaltigkeit des Unterrichts für Jugendliche, sowie Erwachsene ist hierbei hervorzuheben. So werden „adult bible studies“  und „Sunday disciple classes“ mit unterschiedlichsten Schwerpunkten und Inhalten angeboten. Dies reicht von der Interpretation ausgewählter Bibelstellen bis zu Langzeitseminaren zu Themen wie z.B. den Biographien bedeutender Theologen.  

Wie stark sich die Gemeinde der Missionierung verschrieben hat, konnte während meines kurzen Aufenthaltes nicht befriedigend geklärt werden. Jedoch fuhr ein Teil der jungen Gemeindemitglieder mit der „Missionierungsabteilung“ während meines Besuchs in das Katastrophengebiet des Hurrikans Katrina, um dort Aufbauhilfe zu leisten.

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3. Die Mitglieder

Momentan hat die Kirche 826 Mitglieder. Die große Mehrheit dieser sind Weiße aus der sozialen Mittel- und Oberschicht. Nach Angaben des Pastors erscheinen wöchentlich circa 450 Personen zu den Gottesdiensten. Wobei der Pastor mir vor den Ostersonntagsmessen ankündigte, dass bei beiden angebotenen Andachten das Sanktorium überfüllt sein würde. Im Endeffekt war es aber so, dass nur jeweils ca. die Hälfte der Plätze vergeben war.

Wie schon erwähnt sieht die Gemeinde sich als eine liberale Baptistengemeinde. Unter den Mitgliedern befinden sich allerdings auch konservative bis ultra konservative Mitglieder. So hat sich zum Beispiel ein sehr konservativer Professor der Liberty University sich dazu entschieden Mitglied der Rivermont Avenue Baptist Church zu werden. Dieser gibt sogar Unterricht in der Sonntagsschule.

Pastor Breckenridge erklärte mir diesen Umstand damit, dass diesen eher  konservativen Mitgliedern die Konformität in den konservativen Gemeinden zu langweilig sei und sie die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen religiösen Standpunkten reize.

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4. Der Karfreitagsgottesdienst

Die Gemeindeleitung hatte sich entschieden keine gewöhnliche Karfreitagsandacht durchzuführen. Man entschied sich für einen Gottesdienst der nur in der privaten Kommunikation zwischen dem Individuum und Jesus  besteht.

Zu diesem Zweck wurde eine Art Parcours, mit 15 Stationen aufgebaut. Jede von ihnen sollte einen Punkt auf dem Leidensweg Jesus symbolisieren.

Jedes Gemeindemitglied sollte alleine von Station zu Station gehen, an jeder soviel Zeit verbringen wie für richtig gehalten und mit Jesus persönlich interagieren.

Auf den Tischen, die die Stationen markierten, befanden sich Zettel auf denen, zu dem Dargestellten passende, Bibelzitate abgedruckt waren. Außerdem befand sich auf jedem Tisch noch ein passendes Utensil. So zum Beispiel ein Dornenkranz oder Traubensaft, der auch zum Konsumieren gedacht war und das Abendmahl darstellen sollte.

Die Gemeindemitglieder hatten den ganzen Abend Zeit sich auf diesen Pfad zu begeben.  

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5. Der Keltische Ostersonntagsgottesdienst

Zu diesem Gottesdienst wurde das Sanktorium mit vielen, großen Kerzenständern geschmückt, was der Zeremonie eine leicht düstere Atmosphäre verlieh. Der Pastor, sowie der Chor und die Solomusiker trugen zu diesem Anlass baumwollene Mönchskutten. 

Der Hauptbestandteil dieses Gottesdienstes war die Musik: irisch anmutende, christliche Lieder, die zum größten Teil von einer Solokünstlerin gesungen wurden, welche nur durch leichte Hintergrundmusik unterstützt wurde.

Die Predigt des Pastors nahm nur einen kleinen Teil der Messe ein. Für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich waren die vielen persönlichen Anekdoten, die der Pastor in seine Reden eingebaut hatte. Die Predigt bestand aus zwei Teilen: Am Anfang und am Ende des Gottesdienstes. Auffällig war die für amerikanische Verhältnisse geringe Einbeziehung der Gemeinde in das Geschehen. Die Gemeindemitglieder waren sehr still, was aber zur sehr andächtigen Stimmung, die durch die Art der „Performance“ erzeugt wurde, passte.

Dies schien auch genau dem Bedürfnis der zu dieser frühen Morgenstunde gekommenen Gemeindemitglieder zu entsprechen. Auffällig bei der Zusammensetzung der teilnehmenden Personen war, dass vor allem ältere und jüngere Personen anwesend waren, der Anteil an Familien und Personen mittleren Alters aber eher klein war.

Das für alle Gemeindemitglieder offene Ostersonntagsfrühstück fand zwischen den beiden Gottesdiensten statt und war gut besucht. Es gab ein riesiges Buffet, wobei viele der Gläubigen eine Speise zur Erweiterung des Angebots mitbrachten. Es gab fast Alles, aber erstaunlich war die Vielfalt an Eierspeisen.

Bei diesem Frühstück wurde mir bewusst, dass die Gemeindemitglieder sich untereinander kennen, da ich sofort von allen als Neuling erkannt wurde, genauso wie mir ging es einem Liberty Studenten, der sich das erste Mal in dieser Gemeinde aufhielt. Wir wurden beide sehr freundlich aufgenommen. Dies war auch die einzige Möglichkeit für mich mit Menschen aus der Gemeinde zu kommunizieren. Am Ende des Frühstücks habe ich dann mit einem Mitglied die Essensreste zu Daily Bread gebracht, was aber bis dato nicht üblich war, jedoch auf Grund meines Aufenthalts dort gemacht worden ist.

Der Ostergottesdienst selbst war eine Mischung aus dem normalerweise sonntäglich stattfindenden traditionellen und dem modernen Gottesdienst. Was bedeutet, dass versucht wurde einen Mittelweg zwischen der uns bekannten Kirchenatmosphäre und dem lauten, fröhlichen Prozedere das man z.B. in der Thomas Road Baptist Church erleben kann, zu finden. Auffällig war, dass die Predigt in diesem Hauptgottesdienst der Predigt vom Morgen sehr ähnelte.

Der Höhepunkt der Andacht war eine Taufe. Der Pastor war zu diesem Anlass in ein, wie ein Nachthemd wirkendes, Gewand gekleidet. Da die Taufe nicht gleich zu Beginn des Gottesdienstes stattfand, lief der  Pastor bis dahin Barfuss in diesem weißen, knielangen Leinenhemd herum. Nach der Taufe (es handelte sich hierbei um eine Ganzkörpertaufe) zog er sich einen sehr förmlichen Anzug an.

Anders als im keltischen Gottesdienst war die Einbeziehung der Gläubigen wesentlich höher, vor allem den Kindern wurde viel Platz eingeräumt. So wurden alle Kinder gegen Ende des Gottesdienst nach vorne gebeten und diese erklärten in ihren Worten was mit Jesus geschah.  Vor Beginn der Andacht wurde an jedes Kind ein Glöckchen verteilt und sie wurden aufgefordert mit diesem zu läuten sobald das Wort „Halleluia“ während des Gottesdienstes fällt. Der Pastor sagte mir am Tag zuvor, dass dies gemacht wird, damit die Kinder dem Gottesdienst auch aufmerksam folgen.

Wie die Beschreibung schon vermuten lässt, waren zu diesem Gottesdienst viele Familien anwesend.

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6. Persönlicher Eindruck

Der Tatsache geschuldet, dass mein Aufenthalt in dieser Gemeinde sich auf zwei halbe Tage beschränkte, muss das hier dargestellte Bild als sehr oberflächlich betrachtet werden. Einen tieferen Einblick in die Strukturen der Gemeinde, sowie der Verhältnisse der Mitglieder untereinander und deren Religiosität im Alltag konnte ich also unmöglich gewinnen.

Der erste Eindruck über die Atmosphäre innerhalb der Gemeinde fällt durchaus positiv aus. Die Menschen waren durchweg sehr offen und freundlich, jedoch keineswegs so übertrieben und aufgesetzt wie es mir in anderen Gemeinden, die wir besuchten, aufgefallen war.

Das Verhältnis der Mitarbeiter untereinander schien sehr freundschaftlich und ungezwungen, was sich sehr gut auf die gesamte Atmosphäre auswirkte. So veranstaltete die Sekretärin z.B. spontan eine Avon Party auf dem Boden des Sekretariats.

Ich wurde freundlich aufgenommen, aber es wurde nicht versucht mich einzubinden, bzw. es wurde so gut wie kein Programm für mich organisiert (abgesehen von einem zweistündigen Gespräch inklusive Führung durch die Gemeinde mit Pastor Breckenridge). Was dazu führte, dass ich einige meiner wenigen Stunden damit verbrachte alleine Gemeindeblätter zu falten.

Alles in allem habe ich meinen Aufenthalt in dieser Gemeinde als recht unergiebig empfunden.

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