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Tagesspiegel article on Brandon Keith Brown and Jessica Gienow-Hecht's Race and Music course, "Die Augen hören mit,"

News vom 05.07.2021

Die Augen hören mit

Brandon Keith Brown will rassistische Strukturen in der klassischen Musik überwinden – der US-amerikanische Dirigent ist Gastdozent am John-F.-Kennedy-Institut und hält mit der Historikerin Jessica Gienow-Hecht das Seminar „Race and Music“

Musik ist farbenblind: Es ist egal, wie diejenigen aussehen, die sie spielen oder hören. Musik weiß die Wege, das Herz der Menschen zu erreichen, sie kennt keine Hautfarben. Oder etwa doch? Brandon Keith Brown hat als Dirigent Karriere gemacht. Wegen seines Talents. Und seiner Hautfarbe zum Trotz. Denn Brown ist schwarz, klassische Musik aber ist weiß. Brown beschreibt das so: Klassische Musik sei „ein tonaler Raum der Weißheit“. Gemeint ist: Klassische Musik besteht noch immer fast ausschließlich darin, dass weiße Musikerinnen und Musiker die Musik von weißen Kompositionen für ein weißes Publikum spielen. Brown will das ändern. Auch wenn viele in der Welt der klassischen Musik davon nichts wissen wollen.

Brandon Keith Brown wusste schon früh: Musik ist sein Leben

Der 1981 geborene Brandon Keith Brown wuchs im US-Bundesstaat North Carolina auf, begann mit neun Jahren zu komponieren und mit zehn Jahren Geige zu spielen. Er erzählt, er habe schon früh gewusst, dass Musik in seinem Leben eine große Rolle spielen werde, dass er Musiker werden wollte, später Dirigent. Brown studierte zuerst am Peabody Institute in Baltimore, dann bei David Zinman, Kurt Masur und Lorin Maazel. 2012 errang er den dritten Preis beim in Deutschland ausgetragenen „Internationalen Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti“. Weil er daraufhin in Europa Auftrittsangebote bekam, in den USA aber kaum, zog er nach Deutschland.

Heute ist Brandon Keith Brown einer von nur einer Handvoll schwarzer Dirigenten. Ja, es gab Dean Dixon, der schon 1961 zum Chefdirigenten des Sinfonie-Orchesters des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main ernannt wurde. Und ja, es gibt Kevin John Edusei, der seit 2014 Chefdirigent der Münchner Symphoniker ist. Aber in den meisten Orchestern ist es noch immer völlig ungewohnt, dass ein schwarzer Dirigent den Taktstock hebt. Brown tut das bei Gastspielen in Deutschland, den USA oder Österreich; er dirigiert Wagner, Bruckner und Mozart ebenso wie US-amerikanische Kompositionen.

Zusätzlich unterrichtet Brown an Hochschulen, so wie derzeit an der Freien Universität, wo er zusammen mit Jessica Gienow-Hecht, der Leiterin der Abteilung Geschichte am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien, ein Seminar zu „Race and Music“ leitet.

Die Historikerin ist Expertin auf dem Gebiet der Musik und Politik; sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Bedeutung von Sinfonieorchestern in den internationalen Beziehungen seit 1850 und arbeitet derzeit an einem Projekt zu Musik und Menschenrechten: „Klassische Musik ist nicht nur nicht farbenblind, sie ist auch geschlechtsspezifisch. Schwarze und weibliche Musiker werden seit Jahrzehnten in der Szene noch immer diskriminiert“, sagt Jessica Gienow-Hecht.

Die Gesellschaft vom Podium aus verändern

Brown bezeichnet sich selbst auch als „Aktivist“. Sein Ziel: dazu beizutragen, die Gesellschaft vom Podium aus zu verändern. Denn wenn die Welt der klassischen Musik derart homogen ist, wenn es darin so wenige schwarze Musikschaffende oder Dirigentinnen und Dirigenten gibt, dann liegt doch eigentlich auf der Hand: Es kann dafür keinen anderen plausiblen Grund geben als unsichtbare Barrieren, verschiedene Formen von Diskriminierung, ungleicher Förderung und strukturellem Rassismus. Zugleich schmerzt diese Vorstellung wohl die meisten Klassikfans. Und es stimmt zugleich auch dies: Wenn man sieht und hört, wie Brown Mendelssohn dirigiert, Mozart oder Sibelius, dann entfaltet sich, in dem Moment, in dem die Musik beginnt, ihre Magie. Unvorstellbar, dass diese Menschen, die hier zusammen musizieren, übereinander rassistische Vorurteile hegen könnten.

So einfach dürfe man sich die Sache auch nicht machen, sagt Brown. Wenn er von Rassismus spreche, dann meine er damit keine einzelne Handlung, keine Beleidigung oder Tätlichkeit, sondern, nach der Definition von Robin Di Angelo, ein „gruppenbezogenes Vorurteil, gestützt durch institutionelle Macht“. Es handele sich also um jene Mechanismen, die entscheiden, welche Gruppe das Sagen hat und welche nicht, wessen Tradition hochzuhalten sei und wessen nicht.

Im Grunde gehe es, sagt Brown, in der Frage von Rassismus und klassischer Musik „um weiße Vorherrschaft“: „Es geht um die Entscheidungsmacht in den Orchestern, die Kontrolle über das Repertoire, die Auswahl der Künstler, die Verwendung der Gelder. Klassische Musik ist eine weiße, westliche, europäische Tradition“, konstatiert der Dirigent. „Wenn du dich außerhalb dieser Tradition befindest, wenn du nicht dazugehörst, dann wirst du als jemand wahrgenommen, dem etwas fehlt. Und der deshalb weniger wert ist.“

„Mit meiner Hautfarbe werde ich in der Welt der klassischen Musik immer schlechtere Karten haben“

Brandon Keith Brown erzählt, er habe das zum ersten Mal am eigenen Leib erfahren, als er an der Brown University in den USA eine Vertretungsstelle als Dirigent angenommen hatte: „Es begann damit, dass man mir sagte, ich sei eingestellt worden, weil ich schwarz bin.“ Die Zusammenarbeit mit dem Kollegium habe sich schwierig angelassen, sagt Brown, der in der Fakultät der erste schwarze Vollzeitprofessor gewesen sei.

Noch schwieriger aber sei das Dirigat eines vollständig weißen oder aus Asien gebürtigen Orchesters gewesen, von dem einige Mitglieder schon vor dem ersten Treffen mit Brown mitteilten, sie hätten Angst vor ihm. „Das war das erste Mal, dass ich verstand: Ich bin zuerst schwarz und danach erst Dirigent. Egal, wie sehr ich mich anstrenge, wie hart ich arbeite, mit meiner Hautfarbe werde ich in der Welt der klassischen Musik immer schlechtere Karten haben, als wenn ich weiß wäre.“

Wenn es letztlich um Macht geht, ist dann auch die Position des Dirigenten besonders umkämpft: als die mächtigste Person im Orchester, die den Takt angibt? „Nun ja, der Dirigent selbst ist stumm, er spielt keinen Ton“, sagt Brown. Er sei vielmehr davon abhängig, dass sein lautloses Einwirken auf die Musikerinnen und Musiker in ihnen die Lust erweckt, eben jene Töne hervorzubringen, die dem Dirigenten vorschweben. „Der Dirigent ist nur so mächtig, wie es das Orchester erlaubt“, sagt Brown.

Er selbst habe dennoch fast nur gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Orchestern gemacht und bis jetzt nur in einem einzigen Fall Feindseligkeit oder Ablehnung gespürt. Um seinen Beitrag zu einer Änderung der Machtverhältnisse im Klassikbetrieb zu leisten, hat Brown nun eine Stiftung gegründet, die „All The Black Dots Foundation“, die Musiker und Musikerinnen fördern will, die unterrepräsentierten Minderheiten angehören.

Musik kennt keine Hautfarbe

Es bleibt die Frage, ob die klassische Musikszene Browns Kritik hören und einsteigen möchte in die Debatte um Rassismus und Musik? „Nein, will sie nicht“, sagt Brown. „Sie setzt sich dieser Debatte nicht freiwillig aus, sondern nur, weil sie ihr nicht länger ausweichen kann.“ Viele Orchesterleiter, Musikmanager oder Agenten empfänden die Diskussion als sehr unangenehm.

Musik kennt keine Hautfarbe. Trotzdem ist die Welt der klassischen Musik vielleicht jener Bereich, der sich in punkto Gleichstellung am langsamsten verändert. „In der klassischen Musik geht es im Kern darum, einen weißen, westlichen Kanon zu bewahren“, sagt Brandon Keith Brown. Es sei Zeit, diese Welt zu öffnen und durchlässiger zu machen. 

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