Colonial Governance

Colonial Governance und Mikrotechniken der Macht:
Englische und französische Kolonialbesitzungen in Nordamerika, 1680-1760

Kurzfassung

Das Teilprojekt untersucht den Zusammenhang von institutionalisierten Herrschaftsformen, politischer Macht und Steuerungshandeln im historischen Kontext frühneuzeitlicher Siedlungskolonien in Nordamerika. Im Rahmen eines mikrohistorisch fundierten Vergleichs unterschiedlicher kolonialer Lebenswelten sollen a) das Zusammenspiel von hierarchisch konstruierten Herrschaftsverhältnissen und weichen Steuerungsformen (z.B. das Zustandekommen von Entscheidungen durch Verhandlungen) sowie b) die in den einzelnen Governance-Formen wirkenden Machtmechanismen rekonstruiert werden.

Leitung

Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl

Mitarbeiter

Dominik Nagl, M.A.
Marion Stange, M.A.
Deniz Koçak
Hanno Scheerer

Langfassung

Das Teilprojekt erforscht den Zusammenhang von institutionalisierten Herrschaftsformen, politischer Macht und Steuerungshandeln im historischen Kontext frühneuzeitlicher Siedlungskolonien in Nordamerika. Auf der Basis eines mikrohistorisch fundierten Vergleichs ausgewählter politischer Räume in französischen und englischen Kolonien sollen die sich im Hinblick auf die politische Aufgabe der Sicherung der materiellen Voraussetzungen für die Besiedlung und wirtschaftliche Stabilisierung der Kolonie entwickelnden Governance-Formen, die sie charakterisierenden Machtmechanismen sowie die auf der Mikroebene zum Einsatz kommenden Steuerungsinstrumente erfasst werden. Das Teilprojekt analysiert dazu Formen des Regierens, in denen nicht primär die Politik des Kolonialstaates gegenüber seinen Bürgern im Vordergrund steht, sondern Mechanismen der Selbstregulation und Selbstregierung der Siedlergemeinschaften. Gerade in diesen „Mikrotechniken der Macht“ (Foucault) werden die private Ebene von Regieren und die Veralltäglichung von Governance in Alltagspraktiken von Kirche, Schule, Familie und Medien sichtbar.

Es soll geprüft werden, welche Bedeutung das Zusammenspiel von hierarchisch konstruierten Herrschaftsbeziehungen und relational wirkenden Machtinstrumenten für die Ausbildung kolonialer Governance-Formen hatte. Dazu gehen wir erstens im Sinne der Mehrebenenperspektive des SFB der Frage nach, inwieweit die für die nordamerikanischen Siedlungskolonien charakteristische Form eingeschränkter Staatlichkeit (einerseits die durch die große Entfernung strukturell bedingte eingeschränkte Kontrollmöglichkeit durch die Metropole und andererseits mangelnde Durchsetzungsfähigkeit oder politisches Fehlverhalten der metropolitanen Agenten) politische Freiräume für private Akteure schuf und damit koloniale Governance ermöglichte. Wir fragen zweitens im Hinblick auf das Interesse des SFB an der Operationalisierung der mit Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit verbundenen Modi der Handlungskoordination danach, ob kulturell begründete Mechanismen der Selbstregulation und Selbstregierung der Siedlergemeinschaften sowie diskursive Machtinstrumente die Institutionalisierung von Herrschaft und Recht und die damit verbundenen Regierungspraktiken beeinflussten.

Um mikrohistorisch fundierte Aussagen über den lokalen Umgang mit den Herausforderungen kolonialer Herrschaft in Nordamerika und den Alltagspraktiken von Colonial Governance zu ermöglichen, konzentriert sich die Untersuchung auf ausgewählte Räume, die sich durch Unterschiede im kolonialen Herrschafts- und Verwaltungssystem, der geographischen Lage sowie der Wirtschafts- und Besiedlungsstruktur auszeichnen.