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Auswandererbriefe

Auswandererbriefe in die Neuen Länder

Projekt zur Sammlung, Sicherstellung, Erschließung und Auswertung von Briefen deutscher Auswanderer in den USA und Kanada im 19. und 20. Jahrhundert; primäres Sammelgebiet: Die Neuen Länder

in Zusammenarbeit mit:

HD Dr. Stephan Elspaß, Universität Münster
Prof. Dr. Walter Kamphoefner, Texas A&M University
Prof. i.R. Dr. Wolfgang Helbich, Ruhr-Universität Bochum,
Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha

Leitung

Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl

Mitarbeiter

Jan Heine, M.A.

Projekt

Auswandererbriefe vornehmlich einfacher Menschen sind eine durch nichts zu ersetzende, zentrale Quelle für die Sozial-, Mentalitäts- und Sprachgeschichte, aber auch für die Kultur- und Alltagsgeschichte der Aus- und Einwanderung, vor allem des Ansiedlungs- und Integrationsprozesses deutscher Einwanderer und für das deutschamerikanische Eigenleben in Nordamerika, nicht zuletzt auch für die amerikanische und die deutsche Sozialgeschichte insgesamt.

Auf der Grundlage dieser Prämisse entstand in den 1980er Jahren – zu einer Zeit, als eine öffentliche Einwerbung von Dokumenten bei Privatleuten in der DDR nicht möglich war – an der Ruhr-Universität Bochum die weltweit mit Abstand bedeutendste Sammlung von deutschen Auswandererbriefen (Bochumer Auswandererbrief-Sammlung, BABS). Finanziert wurde das durch intensive Erschließungsarbeiten sehr kostspielige Projekt vier Jahre lang durch die Stiftung Volkswagenwerk; die Thyssen-Stiftung beteiligte sich an den Kosten der Übersetzung der aus dem Projekt hervorgegangenen Briefedition, die bei Cornell University Press erschien. Neben einer gut 5000 Texte umfassenden Sammlung gedruckter Briefe enthält die BABS ca. 7000 unveröffentlichte Briefe, vor allem aus dem Zeitraum 1830-1930, teils im Original, teils in Kopien des Originals, zusammen mit sehr umfangreichem biographischen und deskriptiven Material. Die Sammlung wurde 1999 der Forschungsbibliothek Gotha anvertraut, die aufgrund ihrer umfangreichen Erfahrungen in der Verwaltung, Erschließung und Nutzbarmachung von Briefbeständen sowie ihrer geographischen Lage ein idealer Ort für die Sammlung ist. Die BABS ist hier seit dem Herbst 2002 wieder benutzbar.

Die BABS ist bislang eine so gut wie ausschließlich westdeutsche Institution. Ein wesentliches Ziel dieses Projekts ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass diese so erfolgreiche Sammlung über ihre BRD-Zentriertheit hinsichtlich Sammelgebiet und Briefbestand hinaus wächst, durch Dokumente aus den Neuen Ländern ergänzt wird und sich damit zu einer gesamtdeutschen Auswandererbrief-Sammlung entwickelt. Das wäre im wissenschaftlichen Interesse in vielerlei Hinsicht dringend wünschenswert. Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Probleme und Formen der Auswanderung in Deutschland nicht nur insgesamt regional verschieden sind, sondern auch und gerade zwischen den westdeutschen und den ostelbischen Territorien. Damit ist aber nur eine von vielen Forschungsperspektiven angesprochen. Die teilungsbedingte Forschungslücke ist sicherlich am ausgeprägtesten im Bereich alltags- und mentalitätshistorischer Fragestellungen, kann aber auch hinsichtlich von Untersuchungen zur Sprachentwicklung festgestellt werden.

Fragestellungen und Forschungsansätze haben sich im Zuge des rasanten Wachstums der Auswandererbriefforschung seit der Gründungszeit der BABS deutlich vermehrt und zum Teil verändert; geblieben ist die nachdrückliche Betonung der Erschließung des gesammelten Briefmaterials. Zu den beiden nach wie vor unverzichtbaren Elementen Transkription und intensive biographische Recherchen über die Briefschreiber tritt anstelle der mühsamen Katalogisierung von Hand neu hinzu die digitale Volltexterfassung und Katalogisierung nach bibliothekarischen Regeln (möglichst in Verbundprojekten). Die Digitalisierung des Briefmaterials erleichtert den Zugriff und eröffnet der kulturwissenschaftlichen Forschung neue Wege und Möglichkeiten. Die im Rahmen des Projekts geplante digitale Quellenedition wird in enger Zusammenarbeit mit der Staatsbibliothek Berlin und der Library of Congress erfolgen. Letztere hat bereits 1997 den seinerzeit verfügbaren Bestand der Sammlung verfilmt und plant den Aufbau eines Verbundes digitalisierter Quellenbestände zur frühen Neuzeit und dem 18/19. Jahrhundert, in den die Auswandererbriefsammlung integriert werden wird.

Die Einwerbung und Sammlung der Briefbestände kann nicht warten. Bei dieser Art von Quellen in privater Hand muss davon ausgegangen werden, dass nach höchstens vier Generationen in der Familie kein Interesse mehr an solchem Material besteht und es bei Tod, Haushaltsauflösung oder Entrümpelung unwiederbringlich verloren geht. Bei den meisten Briefen aus dem 19. Jahhundert ist diese Schwelle bereits überschritten, und der Bestand wird rapide geringer. Es ist also Eile geboten, um dieses gerade auch für zukünftige Forschung etwa im Bereich der "transnationalen Geschichte" ungemein wichtige Quellengut zu retten.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass die Briefesammlung, wiewohl primär von wissenschaftlichem Interesse, auch für Schulunterricht und politische Bildung bedeutsam ist. Aus-wandererbriefe als Lehrmaterial werden in Schule und Erwachsenenbildung sehr häufig verwendet, weil sie auch einen hohen didaktischen und gesellschaftspolitischen Wert besitzen. Demonstrieren sie doch eindringlich und unmittelbar, dass auch Deutsche einmal Einwanderer waren, ihre Sprachschwierigkeiten hatten, nicht selten diskriminiert wurden und es gelegentlich auch zu Auseinandersetzungen mit den Einheimischen kam.