Weltausstellungen

Weltausstellungen

Bearbeiterin: Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl

"Expositions are timekeepers of progress", erklärte der amerikanische Präsident William McKinley am Beginn des 20. Jahrhunderts.  In einer wichtigen Hinsicht hatte MicKinley damit mehr als recht. Beginnend mit der Londoner Kristallpalast-Ausstellung von 1851 gaben die zahlreichen Ausstellungen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchgeführt wurden, Zeugnis vom materiellen Fortschritt in der Technologie und den Naturwissenschaften, aber auch in der Kunst und der Architektur. Über die Ausstellungen wurden breite Bevölkerungsschichten z.B. mit dem Automobil bekanntgemacht; ihnen wurden Luftschiffe, Röntgenstrahlen und Radium vorgestellt.  Darüber hinaus dienten die Ausstellungen mit ihren ausgeklügelten Systemen der Landschaftsgestaltung und der Abfallbeseitigung als städtebauliche Modelle und beeinflußten damit die urbane Entwicklung.  Auch auf den Zusammenhang von Weltausstellung und die Qualität von Konsumgütern und das Konsumverhalten ist hingewiesen worden.  Damit wird deutlich, daß die Weltausstellungen, die damit verbundene technologische Selbstdarstellung, die durch sie verursachten Veränderungen in den soziokulturellen Grundbefindlichkeiten, der Verstädterung und die dadurch ausgelösten Reformbewegungen (Progressivismus, Settlement-Bewegung), die schließlich in politische Reformdebatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Liberalismus) führten, ein eng zusammenhängendes Feld darstellen.  Die Auswahl dessen, was auf Weltausstellungen präsentiert wird, könne als repräsentativ für die Anliegen der Kultur als Ganzes betrachtet werden. Weltausstellungen gäben insofern Aufschluß darüber, wie die Gesellschaft sich selbst und ihre Kultur sieht.  Darauf weist auch Marcus Cunliffe in seinem Aufsatz "America at the Great Exhibition of 185" hin.  Im Unterschied zum überwiegenden Teil der Forschungsliteratur, die sich auf die nationale Perspektive beschränkt, geht Cunliffe auf gegenseitige Wahrnehmungsstrukturen ein. Er faßt die zeitgenössischen Ansichten über die amerikanische Rolle auf der Londoner Ausstellung zusammen und demonstriert anhand der britischen Presseberichterstattung, welche Einstellungsmuster die Briten gegenüber ihren "American cousins" vertraten. Der amerikanische Stand war zunächst eher ein Mißerfolg und die britische Presse nutzte die Gelegenheit, um die technologische Überlegenheit Großbritanniens gegenüber den USA herauszustreichen. Erst zum Ende der Ausstellung, als die Amerikaner den Colt-Revolver und die Mähmaschine von McCormick vorstellten, und damit die britischen Besucher stark beeindruckten, mußte die britische Presse eingestehen, daß auch die USA interessante technologische Neuerungen vorzuweisen hatten. Die Ausstellung von 1851 kann damit als "öffentlicher Auftakt" des Technologiewettbewerbs zwischen den USA und Großbritannien betrachtet werden, der nicht ohne Auswirkungen auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung bleiben sollte.

Genau dieser Bereich und seine innen- und außenpolitischen Rückwirkungen ist allerdings von der bisherigen Forschung weitestgehend ausgeblendet worden. Ein Grund für die fehlende Nutzung solcher kulturwissenschaftlichen Ergebnisse in der politikhistorischen Forschung ist sicherlich die Zurückhaltung, die Diplomatiehistoriker bislang in der Nutzung der Weltausstellungen als Transmissionsriemen für die politische und kulturelle Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung gezeigt haben. Dies ist um so erstaunlicher, als sich unzählige Metaphern und Symbole der zivilisatorischen Überlegenheit u.ä. in den Exponaten finden. So waren etwa zwischen 1851 und 1940 auf wichtigen Ausstellungen in Großbritannien, Frankreich und den USA Kolonialdörfer zu besichtigen. Diese demonstrierten sehr eindrücklich die imperiale Ausrichtung der Außenpolitik und ihre Erfolge. Da Ausstellungen die Art und Weise widerspiegeln, wie Menschen und Völker einander sehen ebenso wie die Art und Weise, wie sie Dinge betrachteten, ist es sinnvoll danach zu fragen, wie Ausstellungen die kulturelle Selbst- und Fremddarstellung sowie die Selbst- und Fremdwahrnehmung beeinflußten und etwa zur Entstehung von Stereotypen beitrugen. Es ist weiter zu untersuchen, in welcher Weise solche Stereotypen politisch relevant wurden und z.B. Kooperation oder Konkurrenz zwischen den Völkern förderten. In bezug auf das hier vorgestellte Projekt heißt dies, zu fragen, ob die Erfolge, die die USA in der Technikentwicklung seit den 1860er und 1870er Jahren vorzuweisen hatten, das Gefühl der Inferiorität gegenüber Großbritannien und seinen technologischen Fortschritten kompensieren und sogar umkehren konnten. Des weiteren muß dann untersucht werden, ob diese Umkehr zu weiteren Konflikten oder zu Kooperationsformen (z.B. durch die Kanalisation in der Ideologie von der angelsächsischen Rasse) führte und damit zur politischen und wirtschaftlichen Annäherung zwischen Großbritannien und den USA beitrugen.

Die Analyse der Inhalte, Formen und Wege politisch-kulturellen Austausches muß sich insofern auf solche historischen Objektivationen konzentrieren, in denen die Interaktion zwischen den beiden Gesellschaften offensichtlich ist und nicht erst theoretisch konstruiert werden muß. Ganz wichtige Interaktionsbereiche, in denen Nationen sich selbst präsentieren und der Selbstdarstellung anderer Nationen "ausgesetzt" werden, sind die Weltausstellungen. Sie sind im 19. Jahrhundert das Fenster zur Welt. Weltausstellungen waren eine Massenveranstaltung. Die in den Ausstellungsstücken vermittelten Werthaltungen, Auto- und Heterostereotypen erreichten eine für die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts relativ breite Bevölkerungsschicht. Das gleiche gilt für die Ausstellungskataloge, zu denen neben kunstvoll gestalteten Bild- auch Textkataloge gehörten, in denen meist unter regierungsamtlichen Auspizien das eigene Land so dargestellt wird, wie man es gerne gesehen haben möchte. Insofern geben diese Bild- und Textquellen vor allem Einblick in die Wunschbilder. Aus ihnen lassen sich die verwendeten Autostereotypen einerseits sowie Veränderungen in der politischen Deutungskultur andererseits ablesen. Die Weltausstellungen dienten der Präsentation von Modernität und technologischem Fortschritt und wiesen auch außenpolitische Bezüge auf, wie die, auf der Weltausstellung von 1851 in London gezeigten Prototypen von Kolonialdörfern, belegen. Auch im Vergleich zum Modernisierungsgrad anderer Länder - gerade auch der USA - konnte sich in Großbritannien ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein nationales Selbstbewußtsein entwickeln, daß in der Form der politischen Selbstbehauptung zu einem handlungsbestimmenden Element der britischen Außenpolitik wurde.