Tobias Jochum

Alumnus

Adresse
Lansstraße 5-9
14195 Berlin

The Ethics of Representation in Contemporary Literary Narratives of Border Violence

Dissertation in Literatur

Mentoring Team:

First supervisor: Prof. Ulla Haselstein
Second supervisor: Prof. José David Saldívar, PhD
Third supervisor: Prof. MaryAnn Snyder-Körber

Im hemisphärisch-amerikanischen Kontext informeller Kriege gegen prekarisierte Bevölkerungsteile nimmt die nordmexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez eine Ausnahmeposition ein. In den letzten 25 Jahren erschien sie immer wieder als düsterer Vorreiter für neue Modelle politischer Souveränität. Diese verkünden und konsolidieren ihre Ankunft in einer expressiven Zurschaustellung patriarchaler Grausamkeiten (Segato). Sowohl die berüchtigten Frauenmorde seit den neunziger Jahren, als auch zuletzt der staatssanktionierte Terror des militarisierten Drogenkriegs (unter Schirmherrschaft der USA), der die Stadt von 2009–2011 zur statistischen Mordhauptstadt der Welt machte, standen emblematisch für weitreichendere Entwicklungen in Mexiko und anderen lateinamerikanischen Räumen. Das Außergewöhnliche am Fall Juárez ist und war jedoch eher die extrem produktive Reaktion auf die Gewalt seitens einer aktiven Zivilgesellschaft, wie die Fülle aktivistischer, künstlerischer und wissenschaftlicher Projekte der letzten zwanzig Jahre aufzeigt. Dabei führen derartige Gewaltszenarien in ihrer Brutalität und Komplexität eine Krise der Repräsentation herbei, die erhebliche ethische und epistemologische (Heraus-)Forderungen an die kritische Diagnostik und kreative Auseinandersetzung stellt.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit literarischen Werken, die sich dieser Krise mit diversen ästhetischen Strategien annähern, wobei die Frage nach ethischen und politischen Grenzen und Möglichkeiten im Vordergrund steht. Drei unterschiedlich positionierte narrative Herangehensweisen an das historische Archiv und die kulturelle Vorstellung der Grenzstadt bilden den Kern dieses Projekts. Der Foto-Essay Juárez: The Laboratory of Our Future (1998), eine Kooperation des U.S.-Autors Charles Bowden und einer Gruppe mexikanischer Fotografen, eröffnet eine kritische Neuverhandlung einer Ästhetik des Schocks und der journalistischen Deutungshoheit durch Unmittelbarkeit. Aus der Distanz seines europäischen Exils transponiert Roberto Bolaño in seinem Roman 2666 (2004; 2008) die historisch dokumentierten Frauenmorde von Juárez als eine Art Readymade, das zu einer Metapher für das gescheiterte Projekt einer ästhetischen und politischen (kolonialen) Moderne wird. Willivaldo Delgadillos satirische Metafiktion Garabato (2014) schließlich seziert die historischen und diskursiven Bedeutungsebenen der Stadt von innen heraus und entwirft dabei einen narrativen Gegenentwurf zu ihrer überdeterminierten Spirale der Gewalt.

Das konkrete und imaginäre "Juárez" erscheint in diesem Projekt letztendlich als ein Katalysator—sowohl für neue kritische Vokabularien und Epistemologien im gegenwärtigen Zeitalter der globalen Krise als auch für neue Formen politischen Widerstands und innovativer, oftmals hybridisierter Repräsentationsräume. Hier verbinden sich referenziell Greifbares mit einer besonnenen Vorstellungskraft, Trauma mit Hoffnung, sowie eine Ergründung der Erinnerung mit der kreativen Suche nach Wegen in eine Zukunft jenseits derzeitiger Horizonte und Hegemonien.

Dahlem Research School
Deutsche Forschungsgemeinschaft
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