First Baptist Church

First Baptist Church

 

Feldbericht von Tobias Scholz

(Aufenthalt: 9.-12. April 2006)

 

INHALT:

  1. Aktivitätenspiegel
  2. Die Gemeinde: Alter und Ethnizität der Mitglieder, Gottesdienste, Leitung, Missionstätigkeit
  3. Auffallende Charakteristika der FBC
  4. Zur Beobachterrolle und persönliche Erfahrungen

 

1. Aktivitätenspiegel

Sonntag, 09. April 2006          

  • 08.00 Uhr: Ankunft Roanoke, Treffen mit David Peterson (Senior Pastor), Teilnahme an Gebetsrunde einer Art „Ältestenrat“, erste Eindrücke des Church-Campus
  •  09.00 Uhr: Beginn des traditionellen Gottesdienstes (blue Sanctuary, etwa 700-800 Kirchgänger, hohes Durchschnittsalter), Handbell-Orchester und Chor. Peterson spricht ein Willkommen, anschließend Biblestudy von Peterson im unteren Kirchentrakt (9.15 Uhr bis 10.15 Uhr). Etwa 25 Teilnehmer (Alter 35-70). Church History.
  • 10.30 Uhr: Gespräch mit älterem Ehepaar (er war in D. stationiert), Hände schütteln.
  • 11:00 Uhr: Beginn moderner Gottesdienst. Etwa 1000 Teilnehmer, in erster Linie Familien und junge Ehepaare. Moderne Musik (junger Chor, E-Gitarre, Powerpointprä- sentation der Liedtexte), Gebet, kurzer Missionsfilm, Gesang (viel Bewegung, Klatschen). Predigt des vertretenden Pastors Vander Warner.
  • 13:30 Uhr: Mittagessen (Dinner) mit Familie Peterson bei deren Tochter und Schwiegersohn. Gespräche über Religion und Politik in Europa und den USA.
  • 15:00 Uhr: langes Gespräch mit David Peterson (mit dem Boot auf dem Smith Mountain Lake). erster „Konversions- versuch“.
  • 18:30 Uhr: Abendgottesdienst. Gemischtes Publikum, hauptsächlich Familien. Neue Predigt. Photos. Treffen mit Roger Talmadge (Minister for Evangelism and Church Growth an der FBC Roanoke).
  •  20:00 Uhr: Gespräch mit Roger Talmadge in dessen Haus. Vorwiegend über persönliche Vergangenheit, großes Miteilungsbedürfnis. Miracles that occur. Übernachtung bei Roger und Charlotte Talmadge.

 

Montag, 10. April 2006                

  • 09:00 Uhr: Frühstück mit Roger Talmadge, Bericht vom 2004 Mission Trip nach Berlin und einem Mission Trip nach Kanada.
  • 12:00 Uhr: Mittagessen mit Talmadge und Dawson Bailey (Minister of Education and Adults), Gespräch über Abtreibung, Todesstrafe, Bush-Administration, Pat Robertson, Literatur zum Thema Christen und Politik. Kennen lernen des gesamten Staffs im Büro der FBC.
  • 13:30 Uhr: Prayerwalk Downtown Roanoke. Gebet mit Steven Turner (Bank), Gespräch über Themen, die es in Gebeten zu erwähnen gilt. Talmadge betont Outreach.
  • 14:00 Uhr: Gebet mit Mitglied der Veteran Association, den wir auf der Strasse getroffen haben.
  • 15:00 Uhr: Büroaufenthalt FBC, kurze Gespräche über unser Projekt. Fotos auf dem Campus der FBC.
  • 19:00 Uhr: Abendessen der örtlichen Gruppe der Gideon Organization im Holiday Inn, Roanoke. 15 Teilnehmer, Berichte, Vorbesprechung des Jahrestreffens. Übernachtung bei Roger und Charlotte Talmadge.

 

Dienstag, 11. April 2006         

  • 07:00 Uhr: Men’s Bible Study and Prayer Breakfast, K&W Restaurant, am Stadtrand von Roanoke. Psalm 139.
  • 09:15 Uhr: Staff Meeting der FBC, zuerst mit Frauen, dann ohne. (bis 11:30 Uhr)
  • 13:00 bis 18:00 Uhr: Fahrt nach Lynchburg, Tour durch Liberty University, Treffen mit Brian im Thriftstore der Disabled Veterans Association. zweite „Annäherung“. Gebete.
  • 19:00 Uhr: Vortrag im Quality Inn / Salem aus der Armageddon-Reihe mit Lena Domröse und Katharina Eglau. Rückfahrt nach Lexington. Übernachtung in Lexington.

 

Mittwoch, 12. April 2006      

  • 09:00 Uhr: Büro FBC und Fotos auf dem Campus.
  • 11:00 Uhr: Prayerwalk Downtown Roanoke. Gebet mit Vizepräsident einer Bank (Mitglied bei FBC), Gebet mit Angestellten der Buchhaltungsfirma, die Talmadges Arbeit für die Veterans Association betreuen.
  • 12:30 Uhr: Mittagessen bei Chick-Fil-A, Gebet mit dortigem Schichtleiter.
  • 13:00 Uhr: Möbelhaus. Gebet mit Angestelltem (Darryl) und Kunden (persönliches Prayer Request).
  • 13:30 Uhr: Fahrt mit David Peterson durch drei Krankenhäuser in Roanoke. Gebete mit einer alten Frau, die nicht mehr sprechen kann und zwei Müttern mit ihren Neugeborenen.
  • 14:30 Uhr: Roanoke City Jail mit Talmadge. Gespräch mit Reverend Summers (Methodist) über die Gefängnisseelsorge.
  • 16:00 Uhr: Gespräch mit David Peterson in dessen Büro
  • 17:00 Uhr: Abendessen mit gesamter Gemeinde im Keller der FBC, weitere Kontakte.
  • 18:00 Uhr: Treffen der Men’s Bible Study in der FBC, Fahrt nach Daleville / Cloverdale zu einer afro-amerikanischen Baptistengemeinde (Pastor London, ehemaliger Footballprofi).
  • 19:00 Uhr: Gottesdienst in Cloverdale Baptist Church.
  • 20:45 Uhr: Abfahrt nach Lexington.

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2. Die Gemeinde

Die First Baptist Church Roanoke ist eine zentral (Downtown Roanoke) gelegene, zur Southern Baptist Convention gehörige Gemeinde. Ihre Größe qualifiziert sie für die Bezeichnung Megachurch[1], d.h. durchschnittlich etwa 1000 Menschen nehmen an den regulären Gottesdiensten sonntags und mittwochs teil. Die Zahl aktiver Mitglieder der Gemeinde betrug Ende April 2006 etwa 3400, davon besuchen etwa die Hälfte regelmäßig die Gottesdienste.

Die Kirche wurde 1886 gegründet und war zunächst an andere Stelle im Zentrum von Roanoke gelegen. Die Mitgliederzahl wuchs von 116 (1886) auf etwa 2200 (1927). 1927 wurde ein großes Kirchengebäude am heutigen Standort der Kirche fertig gestellt, womit aber auch die Zeit großen Wachstums beendet war. 1942 hatte die FBC lediglich etwas mehr als 2000 Mitglieder.

Wie unter dem Stichpunkt Wachstum im weiteren Verlauf noch eingehender beschrieben wird, ist die Gemeinde aufgrund ihrer Größe in gewisser Weise „zum Wachstum verdammt“. Nach langen Jahren der Stagnation, d.h. bis Ende der Sechziger Jahre, stagnierte die Zahl der Gemeindemitglieder bei etwa 2.100. Mit der Wiedererwachung des evangelikalen Lagers, die unter anderem mit der Mobilisierung nach Roe v. Wade 1973 zusammenhängt, begann auch das neuerliche Wachstum der FBC Roanoke. In den Jahren zwischen 1971 und 1998 stieg die Zahl der angemeldeten (und damit zahlenden) Mitglieder auf 5.300, wovon allerdings knapp 2.000 als „Karteileichen“ bezeichnet werden können. Seit 1998 stagniert die Zahl der Mitglieder wieder bzw. wächst in geringem Maße. Reverend Peterson kommt so zu seiner Schätzung von 3400 aktiven Mitgliedern der FBC (siehe oben).

Seit 1927 befindet sich die FBC Roanoke an ihrem jetzigen Standort. Im Laufe der Jahre wurde an verschiedenen Stellen angebaut und 1992 die neue, große (blue) Sanctuary fertiggestellt (Fassungsvermögen siehe Fussnote 1). Das Kirchenareal misst die Größe eines gesamten Straßenblocks zuzüglich einer Reihe von Parkplätzen auf Nachbargrundstücken. Der Gebäudekomplex vermittelt daher eher den Eindruck einer sehr großen Schule oder eines kleinen Colleges.

 

Altersverteilung und ethnische Zusammensetzung heute

Heute sind Menschen aller Altersgruppen in die Gemeindeaktivitäten involviert. Aufgrund der Größe der Gemeinde ist die tatsächliche Altersverteilung schwer einzuschätzen. Die Aktivitäten der verschiedenen Generationen in der Gemeinde sind jedoch getrennt (spezifisches Charakteristikum der Megachurch). Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Mehrheit der Mitglieder heute älter als 50 Jahre ist.

Von ethnischer Diversität kann man im Falle der FBC Roanoke nicht sprechen. 90% der Gottesdienstbesucher sind weiß, die übrigen 10% sind Hispanics, African Americans und Asian Americans. Bezüglich der Afroamerikanischen Mitglieder fällt jedoch auf, dass diese meist der Middle Class angehören und außerdem nicht aus der von ehemaligen Sklaven abstammenden Gruppe stammen, sondern vorwiegend erst vor wenigen Jahren aus der Karibik eingewandert sind.[2] Aus dem 100-köpfigen Chor hebt sich die einzige Afroamerikanerin stark heraus.

 

Die Gottesdienste

Gottesdienste/Services finden an Sonntagen um 9.00 Uhr, 10.30 Uhr und 18.00 Uhr sowie Mittwochs um 18.00 Uhr statt. Der frühe Sonntagsgottesdienst ist für die „ältere Generation“ und beinhaltet etwas mehr Liturgie als der zweite. Musik kommt vom Chor (ca. 100 Personen) und vom Handbell-Orchester, die gesungenen Lieder stammen aus dem alten Gesangbuch.

In den zweiten Gottesdienst gehen in erster Linie Familien mit Kindern und Jugendliche. Der Chor ist klein (die  Mitglieder tragen keine Chorgewänder) und wird von einer Band (E-Gitarre, Schlagzeug, etc.) begleitet. Liedtexte werden per Powerpoint an die Wand projiziert, Gesangsbücher erübrigen sich hier.

Der Zuschnitt des „modernen Gottesdienstes“ scheint zu funktionieren, der europäische Beobachter wird jedoch wahrscheinlich den gewissen „Drive“ vermissen.

Die Predigt des Senior Pastors ist identisch in beiden Gottesdiensten. Es geht also bei der Zweiteilung nicht darum, einer zu großen Zahl an Gläubigen die Teilnahme am Gottesdienst zu ermöglichen, sondern ausschließlich um die vermeintlichen Interessen bzw. Vorlieben der Generationen, was das Rahmenprogramm des Gottesdienstes betrifft. (In den beiden Gottesdiensten waren am Sonntag, den 9.April etwa je 800 – 1000 Menschen)

Sonntags, 18.00 Uhr findet ein neuerlicher Familiengottesdienst statt, der vom Ablauf her beide Formen vom Vormittag vereint und auch eine neue Predigt des Senior Pastors beinhaltet.

Mittwochs findet ebenfalls um 18.00 Uhr ein Gottesdienst statt, dieser ähnelt vom Ablauf her stark dem Entwurf des Gottesdienstes sonntagabends. Eine Stunde vor Beginn, um 17.00 Uhr, trifft sich die Gemeinde zu einem gemeinsamen Abendessen in einem großen Kellerraum des Gebäudetrakts.

Bei den besuchten Gottesdiensten wurde die Predigt von einer Vertretung gehalten, da die Gemeinde gerade einen neuen Senior Pastor sucht (näheres hierzu unter dem Punkt „Leitung der Gemeinde“). Rhetorisch sind die Predigten sehr engagiert, fesselnd und verständlich für alle vorgetragen. Es entsteht der Eindruck, die Leute hingen im wahrsten Sinne des Wortes „an des Predigers Lippen.“

Parallel, sowie vor und nach den Gottesdiensten findet eine Reihe von Bible Studies statt. An einem normalen Sonntag sind es etwa 40 verschiedene Gruppen (Kinder, Jugendliche, junge Paare mit oder ohne Kinder, Single-Männer, Single-Frauen, Rentner etc.), die sich (meistens unter der Führung von Männern) in den Räumen der Kirche treffen.[3] Einige Pastoren und Teilnehmer an Bibelstunden benutzen kleine Taschencomputer, in welchen die Bücher der Bibel gespeichert sind.

 

Leitung der Gemeinde

Wie bei Baptistengemeinden üblich spielt die Rolle des Senior Pastors eine sehr wichtige Rolle. Im Jahr 2001 legte Pastor Fuller, der 38 Jahre lang Senior Pastor der FBC war und auch weit über die Gemeinde hinaus eine bekante Persönlichkeit darstellte, sein Amt als Prediger nieder. Die Gemeinde hat Probleme, eine neue Vater- bzw. Führungsfigur zu finden, weil eben jener Pastor Fuller im Jahre 2003 eine 15 Jahre lange Affäre außerhalb seiner Ehe gestehen musste. Er bat seine ehemalige Gemeinde per Videobotschaft um Verzeihung. Ihm wurde vergeben, sein Bild hat jedoch starke Kratzer davongetragen. Eine andere Erklärung für die lange Vakanz der Position des Senior Pastors kann aber durchaus auch sein, dass sich das Council für diese Entscheidung so lange Zeit nehmen will, bis eine einstimmige Entscheidung fällt.

Ein neuer Seniorpastor wird vom Church Council bestimmt. Das Council setzt sich aus normalen Mitgliedern sowie Funktionsträgern der Gemeinde zusammen.

Im wöchentlichen Staff Meeting der verschiedenen Bereichsleiter (Ministries) werden die wichtigsten laufenden Themen verhandelt und Entscheidungen getroffen. An diesem Staff Meeting nehmen zu Beginn auch die ausschließlich weiblichen Sekretärinnen teil. Diese müssen den Raum allerdings verlassen (sich wieder ihrer Arbeit widmen), wenn die Leiter der verschiedenen Ministries sich besprechen. (Mehr zum Frauenbild in der Gemeinde im weiteren Verlauf des Textes unter dem Stichwort „Rollenverteilung“)

Ministries, also Unterorganisationen der Kirchenleitung sind: Children, Youth, Single Adults, Married Adults, Senior Adults, Men, Women, Music, Care & Counseling sowie Family Life.

 

Missionstätigkeit (Church Growth)

Die Mission, also das Wachstum der Kirche bzw. der Schar der Gläubigen ist ein vorrangiges Ziel der Gemeinde (wie aller Baptistengemeinden). (Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass ich den zuständigen Minister of Church Growth, Roger Talmadge, dreieinhalb Tage begleitet habe und auch bei diesem untergebracht war, wodurch sich meine Betonung der nach Außen gerichteten Aktivitäten der Gemeinde erklärt).

Es gilt hierbei zwischen mehreren Stufen der Mission zu unterscheiden. Jemanden zu Gott zu bekehren ist nicht gleichbedeutend mit der Gewinnung eines neuen Mitglieds der Kirche, obwohl dies das langfristige Ziel ist. Wo auch immer man als „Believer“ auf Menschen trifft, die „Gott noch nicht in ihrem Leben gefunden haben“, ist der Impuls groß, diese zu bekehren oder zumindest auf die Möglichkeit anzusprechen, sich Gott zuzuwenden.

Die FBC veranstaltet jeden Monat im Sommer ein großes Fest/Treffen (im Hof der Kirche oder an einem öffentlichen Platz in der Stadt) namens GROW (God rewards our work). GROW kann aber auch als wörtlicher Imperativ für die Gemeinde und ihre Mitglieder gelesen werden. Über Familien und Freunde gilt es an potentielle Gläubige heranzutreten und diese zu einem Besuch der Kirche zu bewegen.

Neue Mitglieder sind verpflichtet, eine New Members Class zu belegen, im Zuge welcher ihnen Hilfestellungen in Glaubensfragen gegeben werden und grundlegendes Wissen zum baptistischen Glauben vermittelt wird. (Ich wurde von Dawson Bailey, der diese Kurse leitet, nachdrücklich darauf hingewiesen, dass dieser Kurs eine Hilfestellung bieten soll und keine Indoktrinationsinstanz darstellt.)

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3. Auffallende Charakteristika der FBC

Im Folgenden sollen einige Aspekte angesprochen werden, die als Stichworte oder Praktiken zur Charakterisierung der Gemeinde besondere Aufmerksamkeit verdienen.

 

Gemeindewachstum

Da die FBC Roanoke eine, wenn auch kleine, Megachurch ist, stellt sich in jedem Fall die Frage nach ihrem Wachstum. Im größeren Zusammenhang des schwer einzuschätzenden Einflusses der Southern Baptists auf der poltischen Bühne spielt dies ebenfalls ein Rolle: Wächst die baptistische Denomination oder hat sie es – entgegen aller Erwartungen – schwer, neue Mitglieder zu gewinnen?

Wie oben bereits angesprochen und beispielsweise von David Peterson verdeutlicht, durchläuft die FBC Roanoke nach einer Phase des Anstiegs in den 80er und frühen 90er Jahren seit etwa 10 Jahren eine Phase der Stagnation. Es ist für eine Megachurch jedoch lebensnotwendig, zu wachsen. In einen Prozess des Veraltens einzutreten, wäre für die Kirche fatal, schließlich steht seit 1992 ein neues Kirchengebäude (blue Sanctuary) mit enormem Fassungsvermögen. Initiativen der Mitgliedergewinnung laufen – neben dem wichtigsten Instrument: der Familie – über öffentliche Veranstaltungen wie GROW (God rewards our Work). Schätzungen der Kirche zufolge gibt es in Roanoke und Umgebung von etwa 250.000 Menschen ca. 80.000 „unsaved souls“, die es für Gott zu gewinnen gilt.

Trotz der großen Besucherzahl des Familiengottesdienstes am Palmsonntag machte die Kirche keinen „vollen“ Eindruck. In Gesprächen mit Gemeindemitgliedern konnte ich erfahren, dass weder die inzwischen erwachsenen Kinder David Petersons noch jene Roger Talmadges mit ihren jungen Familien Mitglieder der FBC Roanoke sind. Diejenigen, die in Roanoke leben, besuchen in den meisten Fällen kleinere – in zwei Fällen charismatische – evangelikale Kirchen in Roanoke.

Aus den gewonnenen Eindrücken darf eine vorsichtige Prognose abgeleitet werden, nach der die FBC Roanoke auf ein Wachstum angewiesen ist, welches derzeit nicht erreicht wird.

 

Außenwirkung der TBC

Mit Größe und Wachstum direkt verbunden ist der Aspekt der Außenwirkung der FBC in der Gemeinschaft der Denominationen in Roanoke. Aus den Äußerungen von Roger Talmadge, dem Minister for Evangelism and Church Growth, geht hervor, dass nur wenige Gemeinden eine Kooperation mit der FBC anstreben. Die Gründe liegen auf der Hand: die einzige Megachurch der Stadt versucht, bei Gleichgesinnten Mitglieder zu akquirieren. Eine Spekulation, die nicht offen zugegeben wird, sich aber aufdrängt. Es ist zu vermuten, dass durch den Kirchenbesuch und die Mitgliedschaft in einer kleineren Gemeinde mehr individuelle bzw. direkter spirituelle Bedürfnisse befriedigt werden. Ein hohes Maß an Anonymität (d.h. Anfahrt mit dem Auto, Gottesdienst in der Masse, Heimweg), welches die Megachurch vermeintlich zugesteht und das der europäische Beobachter vielleicht vorschnell diagnostizieren will, scheint kaum für die Kirchenwahl ausschlaggebend zu sein.

Mitglieder anderer Gemeinden in Roanoke (zumindest aus der Church of the Brethren) äußern sich jedenfalls sehr kritisch und defensiv über den Kampf der FBC um ihre Größe.

 

Rollenverteilung

Dem Beobachter fällt beim Aufenthalt in der First Baptist Church sofort die strikte Rollenverteilung und die offensichtliche Unterordnung der Frau auf. In der Verwaltung sind sämtliche Vorsitzenden der verschiedenen Ministries Männer, dafür gibt es ausschließlich Sekretärinnen. Frauen haben mit den Entscheidungsprozessen in der Gemeinde wenig bis nichts zu tun. Sie leiten die Women`s , Children’s und Youth Bible Studies, “reden mit” in musikalischen Angelegenheiten hinsichtlich der Gottesdienste und beteiligen sich stark an allen organisatorischen Abläufen von Veranstaltungen. Unterzieht man das gesammelte Fotomaterial einer Analyse hinsichtlich der Rolle von Frauen und Kindern, so lässt sich die auf den zweiten Blick streng hierarchische Ordnung der FBC vielfach belegen.

Deutlich wurde die Haltung gegenüber Frauen in einem Gespräch mit Dave Peterson sowie im Staff Meeting der Ministries, wobei Peterson bei beiden Gelegenheiten mit identischem Wortlaut die Rolle der Frau als untergeordnet – aus der Bibel –  herleitete. Im Meeting drehte sich die Diskussion um die Frage, ob Frauen auch die Bibelschule für verheiratete Paare leiten dürfen. Dies wurde von allen anwesenden Männern verneint. Petersons Standpunkt ist, dass weder die Bibel noch die Realität Frauen Qualitäten im „Spiritual Leadership“ zusprächen. Weibliche Pastoren schafften es nicht, die männlichen Mitglieder ihrer Gemeinden zu leiten bzw. zu führen. Der Aspekt der Unterordnung der Frau könnte an dieser Stelle mit einer Vielzahl an Beispielen ausgeweitet werden[4].

 

Leadership

Beim Besuch zweier evangelikaler Universitäten in Virginia (Regent und Liberty University) sticht schnell die Rolle eines Konzepts ins Auge, das von diesen Institutionen enorm wichtig ist: Christian Leadership for the World. Der Gedanke der Führung lässt sich von dieser (geförderten/zukunftsorientierten/politischen) Makroebene auf die Ebene der Gemeinden (charismatische Prediger) und bis in die Bibelschulen und Kindeserziehung zurückverfolgen.

Und wer „aus der Herde“ nicht zum Leadership qualifiziert ist der wird geführt, wie sich an der von Roger Talmadge „geführten“ Men’s Bible Study anschulich machen lässt. Talmadge überschreibt Gebetsblatt und Adressenliste mit der Kopfzeile: Our Gruppenführer Lord Jesus Christ. Dies ist wohl vor allem dem oft militärischen Duktus Talmadges zu verdanken, deutet aber eben deutlich auf die Vater- und Führerrolle hin, die er für die Mitglieder seiner Bible Study-Gruppe ausfüllt. Letztere erinnert (etwas überspitzt formuliert) an eine Selbsthilfegruppe von Single-Männern um die 40, die hier einen Rahmen geboten bekommen, ihre „feminine Seite“ zu zeigen. Um der gesellschaftlichen Rollenerwartung gerecht zu werden, ist dieses Ventil nötig, eben gerade durch das Delegieren von Verantwortung an eine Vaterfigur, hinter welcher natürlich die transzendente Größe Gottes steht.

Die FBC Roanoke trägt in ihrer bereits 7 Jahre dauernden Suche nach einem neuen Senior Pastor (ein Pastor verließ die Kirche nach drei Jahren in 2004, die Gründe sind nicht bekannt) schwer am Erbe des langjährigen Senior Pastors Fuller. Dessen unangefochtene Stellung in der Gemeinde und die daraus resultierende starke Prägung derselben wurde nun in den letzten Jahren durch sein Eingeständnis einer 15 Jahre langen außerehelichen Affäre verkompliziert. Ein Mangel an Führung, unter dem die Kirche sehr zu leiden hat.

 

"Christianity is not a religion, it is a relationship to God."

Bei Gesprächen über Christen, über Kirchen in Europa und den USA sowie allgemein über Religion fällt immer wieder dieser Satz. Roger Talmadge und vor allem Dave Peterson betonten mehrmals, sie seien Christen, nicht Angehörige einer Glaubensgemeinschaft.

Nicht ohne Ambivalenzen, verdeutlicht sich hier der Absolutheitsanspruch und Legitimationsgedanke der Baptisten (sie selbst nennen sich Christen). Jeder Mensch, der sich im Erwachsenenalter zu Gott bekennt, ihn in sein Leben und Herz lässt und ihm damit sein Leben überantwortet, ist erlöst. Dazu bedarf es keiner Zwischeninstanz, als welche die „anderen“ Religionen, begonnen beim Katholizismus, betrachtet werden. Nathan der Weise hatte nicht Recht. Die Gesamtheit alle Christen wird erlöst, wenn Jesus wieder auf die Erde kommt. Keine Religion darf jedoch zwischen Gott und dem einzelnen Menschen stehen, das Wort „Religion“ wird deshalb – wenn schon nicht als Schimpfwort empfunden – zumindest prinzipiell vermieden.

Aus aufgeklärter, vielleicht auch säkularer, Perspektive zweifelsohne religiös erscheint jedoch die Mission, der sich die Evangelikalen/Baptisten so verschrieben haben. Souls have to be saved everywhere. Aufgabe des Christenmenschen ist es, andere Menschen auf den Pfad der Erlösung  zu bringen.

 

"I get a kick out of changing lives."

Dieser Satz stammt von Rick Warren, dem Pastor einer sehr bekannten Megachurch in Kalifornien und Autor des Buches The Purpose Driven Live, einem christlichen Bestseller der letzten Jahre. To change lives kann man als das mission statement der meisten evangelikalen Kirchen bezeichnen. Ohne einen theologischen Hintergrund nach europäischem Verständnis wird so die Aufgabe und Berufung benannt, welcher die Baptisten nachkommen, wenn sie so genannte „unbelievers“ zu Gott bekehren.

Es fällt schwer, diese Praxis aus meiner subjektiven Sicht nicht zu denunzieren. Ich bin in den vier Tagen bei der FBC Roanoke zweimal mit Menschen zusammen getroffen, die am selben Tag, in einem Fall nur wenige Minuten zuvor, eine Person „zu Gott gebracht“ hatten. Die Freude über diesen „Erfolg“, der die oberste Aufgabe des Christenmenschen darstellt, wurde nach meiner Einschätzung ehrlich und aufrichtig empfunden. Der Eindruck ist jedoch belastet von einerseits der bevormundenden, patriarchalischen Art, in der solche Bekehrungen stattfinden (schließlich heißt es: Himmel oder Hölle. Zur persönlichen Erfahrung siehe nächster Punkt). Andererseits drängt es sich auf, hinter dieser Praxis einen bloßen „Headcount“ zu vermuten, der wenig mit einer gewachsenen und wirklich persönlich gefundenen Entscheidung zu tun hat. Nach meinen Erfahrungen erlaube ich mir, diesen kick for changing lives als freundlich bestimmte Jagd zu bezeichnen, die einzig darauf abzielt, sich der gleichen Gesinnung der Menschen – auch in einem politisch-ideologischen Sinn – zu versichern.

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4. Zur Beobachterrolle und persönliche Erfahrungen

Die First Baptist Church Roanoke ist, wie bereits mehrmals angesprochen, als religiös konservativ zu beschreiben. Die Spiritualität der Gemeinschaft speist sich vor allem aus der Praxis, sich täglich und stetig des gegenseitigen Glaubens und der Gegenwart Gottes zu versichern (vor allem durch Gebete).

Der Wissenschaftler sieht sich bei der Teilnahme an und Beobachtung dieser christlichen Gemeinschaft mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Rolle von dieser nur bis zu einem gewissen Punkt „akzeptiert“ wird. Sie wird vielmehr als Nebensache interpretiert. Jeder, der in die Gemeinschaft eintritt, interessiert diese zunächst als Mensch, im besten Falle als Christ.

Wie bereits in der Vorbereitungsphase der Exkursion vereinbart, verbrachte ich während meines Aufenthalts zwei Nächte im Haus des Ehepaars Roger und Charlotte Talmadge. Roger Talmadge kümmerte sich in dieser Zeit fast ausschließlich um mich, d.h. wir verbrachten - bis auf den ersten Sonntag, an dem ich Dave Peterson begleitet habe – die Tage von Morgens bis Abends zusammen.[5] Dies hatte für die Beobachtung zwei Konsequenzen:

  • Durch die knappe Zeit allein und durch den fehlenden Kontakt zu den Mitgliedern der Gruppe ergab sich ein Mangel an Reflektionsmöglichkeiten im Sinne des Projekts. Dies fiel allerdings nicht weiter ins Gewicht, da die Untersuchung nicht im klassischen Sinne hypothesengeleitet war.
  • Ich konnte an einer vergleichbar sehr hohen Zahl an Aktivitäten der First Baptist Church teilnehmen. Diese waren zum Teil Gruppenaktivitäten, zum Teil schlicht die Begleitung Mr. Talmadges bei seinen anfallenden Tätigkeiten. Da die FBC als Megachurch jedoch eine große Fülle an Aktivitäten und Projekten bereithält, erscheint die Auswahl rückblickend als sehr eingeschränkt. In einzelne Charakteristika des Gemeindelebens erhielt ich auf diese Weise sehr tiefe Einblicke, in andere Aspekte so gut wie keine.

Vor Ort entstand für mich der Konflikt, mich vom Gegenstand meiner Untersuchung nicht weit genug distanzieren zu können, um verallgemeinerbare Aussagen zum Phänomen des alltäglichen „enactment of faith“ formulieren zu können. Der Anspruch war, diese sofort zu artikulieren, doch das war bei der Fülle an Eindrücken nicht möglich.

Der angesprochene Konflikt verlagerte sich während des Gemeindeaufenthalts jedoch zunehmend zu der Frage, wie mit den missionarischen Annäherungsversuchen, denen ich mich ausgesetzt sah, umzugehen ist. Am ersten Tag bereits war ich mit Pastor Peterson in einem Gespräch, das als Interview begann, an einen Punkt gelangt, an dem ich gefragt wurde, „ob ich Gott jetzt in mein Leben/Herz lassen möchte.“ Diese Situation wiederholte sich zwei Tage später bei einem Besuch der Disabled Veterans Association in Lynchburg, wobei ich bei dieser Gelegenheit mit größerer Sicherheit auftreten konnte, d.h. zu kommunizieren, dass ich einerseits persönlich nicht diese (schnelle) Entscheidung treffen will. Andererseits konnte ich nun auch deutlich machen, dass ich hier tatsächlich in der Funktion als Wissenschaftler und Beobachter auftrete. Die Notwendigkeit, diese Tatsache so zu betonen, weist nun auf ein grundsätzliches Missverständnis hin:

Kriterien wissenschaftlicher Methoden sowie Objektivität haben im Kontext dieser christlich-konservativen (um nicht zu sagen fundamentalistischen) Weltsicht keine Geltung. Die Antwort auf alle Fragen ist Gott, wissenschaftliches Erkenntnisinteresse muss deshalb mindestens die Gegenwart und Einflussgröße Gottes anerkennen. Letztlich wurde mein Untersuchungsvorhaben von den Mitgliedern der Gemeinde als Suche nach Spiritualität und dem angemessenen Geist interpretiert. Aussagen, die traditionelle soziologische Fragestellungen wie Rollenverteilung, Gender, das Verhältnis zwischen ethnischen Gruppen oder sozialstrukturelle Aspekte im Hinblick auf kirchliche Aktivitäten betreffen, werden, zumindest von Seiten konservativer Baptisten, einfach disqualifiziert. Denn entweder „geht es darum nicht“ („ist von Gott gewollt und bedarf keiner Analyse“) oder „es spielt keine Rolle vor Gott“.

Diese Erkenntnisse verdeutlichten sich zwar auch schon während des Aufenthalts, sie standen jedoch während dieser Zeit hinter dem Konflikt zurück, mit einer Situation umzugehen, in der nicht die Aufmerksamkeit des teilnehmenden Beobachters dem Gegenstand gewidmet ist, sondern die Umkehrung der Fall ist. Wer also für einen noch so begrenzten Zeitraum in eine fundamentalistische christliche, baptistische oder andere Gemeinde in den USA eintritt, muss sich vorher vergegenwärtigen, dass er/sie mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst zum Ziel der missionarischen Anstrengungen der Kirche wird.

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[1] Die Definitionen des Phänomens Megachurch variieren in der Literatur stark. Die FBC Roanoke bezeichnet sich mit durchschnittlich etwa 1000 Teilnehmern am Gottesdienst und aufgrund des Fassungsvermögens (2300 bis max. 2800 Menschen passen in die Sanctuary) jedoch recht nüchtern als solche.

[2] Was natürlich nicht heißt, dass es in der Karibik keine Sklaven gab. Im Gegenteil. Trotzdem unterscheiden sich diese neuen Immigranten stark vom traditionellen schwarzen Bevölkerungsanteil der Südstaaten. Im Chor von etwa 100 Menschen singt eine vor wenigen Jahren eingewanderte Jamaicanerin, die als hervorragende Sängerin allerdings einen Sonderstatus genießt und damit vor allem bestehende Stereotypen bedient.

[3] Zuletzt gab es in der Gemeinde eine Diskussion um die Frage, welche Bible Studies, an welchen auch Männer teilnehmen, von Frauen geleitet werden dürfen. Sie leiten die Women`s , Children’s und Youth Bible Studies

[4] Beispielsweise auf eine wörtliche Auslegung der Bibel, die keine Frauen kennt, die Verantwortung übernehmen .

[5] Ich wurde in der FBC mit großer Gastfreundschaft aufgenommen. Die Freude über einen Besucher und die bedingungslose Gastfreundschaft scheinen beim zweiten Blick allerdings sehr wohl an geteilte Überzeugungen gebunden zu sein. Für einen „Europäer mit etwas sozialer Kompetenz“ stellt diese Hürde kein Problem dar, sehr wohl jedoch für jeden, der einer baptistischen Weltsicht skeptisch gegenübersteht und dies auch zeigt.