Maury River Friends Meeting (Quäker)

 

Feldbericht von Ruth Steinhof

(Aufenthalt: 9.-13. April 2006)

 

INHALT:

  1. Maury River Friends Meeting - eine Quäkergemeinschaft in Virginia
  2. Erste Begegnung und allgemeines Wissen über die Friends
  3. Phil und Daphne Hyre
  4. Katherin, Sandra und die Quäker-Hochzeit
  5. Elisa und Boxerwood Gardens

 

1. Maury River Friends Meeting – eine Quäkergemeinschaft in Virginia

Die Quäker sind eine im 17. Jahrhundert in England entstandene christliche Gemeinschaft und zählen zu den Friedenskirchen. Die religiöse Gemeinschaft der Quäker geht zurück auf George Fox, der nach einem visionären Erlebnis in den 1640ern eine Schar von Gläubigen um sich sammelt. Dieser religiöse Kreis wurde zunächst als „Children of the Light“, nach 1652 als „Society of Friends“ bezeichnet. Den Beinamen „Religious Society of Friends“ tragen Quäkergemeinden auch heute noch. Zentral ist für Quäker die Erfahrung des „inner light“. Darunter kann man das göttliche Wirken in einem selbst verstehen. Hierin wird besonders die Nähe des Einzelnen zum Göttlichen, dessen unmittelbares Wirken, deutlich. Zumindest für diese Quäkergemeinde erklärt sich somit die Tatsache, dass es kein theologisches Lehrgebäude gibt, keine Bekenntnisgelöbnisse, hierarchische Organisationsstrukturen oder kirchliche Ämter. Weiterhin verzichten diese Quäker auf den Gebrauch üblicher Sakramente. Aber zur religiösen Praxis später mehr. Heutzutage werden Quäker von mehreren Dachorganisationen gestützt. Im Fall der Maury River Friends ist die nahe stehendste Organisation die Friends General Conference (FGC). Meetings, die unter dieser Organisation versammelt sind, treffen sich einmal im Jahr. Weiterhin sind die Maury River Friends eng mit dem Baltimore Yearly Meeting (BYM) verbunden. Weitere Organe in der weltweiten Organisation der Quäker ­– nicht aber unbedingt dieser Quäker – sind: Friends United Meeting (FUM), die als Dachorganisation eher konservativerer Quäkergemeinden dienen und Evangelical Friends International (EFI).

Die Quäkergemeinde in Lexington/Virginia ist nicht sehr groß. Der harte Kern besteht aus 25 Mitgliedern und fünf Kindern. Das Durchschnittsalter beträgt ca. 40 Jahre. Das Meeting hat sich vor circa 20 Jahren gebildet. Damals trafen sich nur wenige Menschen. Sonntags treffen sich meist 35-50 Menschen zum „Worship“, darunter auch Kinder. Viele der Teilnehmer treffen sich jahrelang, ohne das Bedürfnis zu verspüren, Mitglieder der Gemeinschaft  zu werden. Ein kontinuierliches Wachstum könne man laut Peggy Dyson-Cobb, der „Leiterin“ dieser Quäker, zwar verzeichnen, vor allem nach dem Kauf des Gemeindehauses, allerdings würden auch Mitglieder wegziehen oder das Meeting verlassen, weil sie die Art und Weise des Quäker-Worships unbefriedigend fänden, so Peggy.

Sollte ich im Folgenden allgemein von Quäkern schreiben, so ist dies ausschließlich auf die Maury River Friends-Gemeinde bezogen.

Allgemein sollte man diese Quäkergemeinde eher als Gruppe von Individualisten, denn als geschlossen homogene Religionsgemeinschaft begreifen. Dies zeigt sich auch in der Tatsache, dass es kein allgemein gültiges Glaubensbekenntnis gibt, welches gemeinsamkeitsstiftend wirken könnte. Einer Aussage Peggys zufolge würde ein wahrer Quäker nie Mitglied der Quäker werden. Die Mitglieder des Maury River Friends Meetings stammen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten – vom Architekten bis zur Hausfrau – und haben unterschiedliche Glaubensursprünge. Einig scheint man sich nur in einem zu sein: im Schweigen. Um der Heterogenität der Gruppe gerecht zu werden, erscheint es sinnvoll und erforderlich, die Quäker als Gruppierung von Individuen  zu begreifen und sie auch als solche zu beschreiben. Daher werde ich im Folgenden versuchen diesem Merkmal der Gruppe gerecht zu werden, indem ich gezielt einige der eindrücklichsten Personen beschreiben werde, mit denen ich zu tun hatte.

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2. Erste Begegnung und allgemeines Wissen über die Friends

Vom achten bis zum zwölften April hatte ich das Glück einige Zeit mit einigen Mitgliedern der Maury River Friends verbringen zu können. Am ersten Tag holte mich Peggy Dyson-Cobb, die Leiterin, also „clerk“der Friends – wobei diese Funktion vor allem für Business-Treffen und in Bezug auf finanzielle Dinge von Bedeutung ist, wie ich es verstanden habe –von unserem Hotel ab. Ich sollte sie auf einem Wild Flower Trip begleiten. Peggy ist Mitglied in einer freiwilligen Naturschutzorganisation. Mindestens einmal pro Woche zieht sie in die umliegende Natur hinaus, bewaffnet mit einer Liste voll lateinischer Pflanzennamen. Angekommen im Wald bleibt sie, und damit auch ich, aller drei Meter stehen und schreit auf. Wieder eine Pflanze gefunden, die eigentlich überhaupt nicht in dieses Gebiet gehört. Peggy ist bemüht, die einheimischen Pflanzen vor den dominanten Einflüssen importierter, wild wuchernder Pflanzen zu beschützen. Jede Pflanze wird registriert, die Blätter gezählt, Aussagen über die Blütenfarbe notiert. Auf dem Rückweg habe ich Zeit, ihr einige Fragen über die Quäkergemeinschaft zu stellen. Wir kommen auf die Hochzeit zu sprechen. Peggy war so lieb und erstellte eine Art Stundenplan für meinen Aufenthalt. Donnerstag würde ich zu einer echten Quäkerhochzeit gehen können. Ein seltenes Ereignis. Sowohl Braut, als auch zukünftiger Bräutigam sind Quäker. Da beide sich für eine Quäker-Hochzeit entschieden hatten, mussten sie einen bestimmten Prozess durchlaufen. Drei Monate vor dem Hochzeitstermin begeben sich beide zu einem so genannten „clearness committee“. Es besteht aus Personen der Quäkergemeinschaft, die das Brautpaar selbst bestimmen kann. Diesem Komitee und seinen Fragen muss sich das Brautpaar zur Prüfung der Bindung stellen. Generell würden die Fragen darauf hinauslaufen, ob alles in Ordnung wäre, ob das Paar zwischenmenschlich harmonieren würde, wie die Schwiegerfamilien zu der Bindung stünden, ob man sich finanziell einig wäre und ob auch emotional alles zur Zufriedenheit stünde. Können die Brautleute diese Fragen zur Zufriedenheit des Komitees beantworten, steht der Hochzeit nichts mehr im Weg. Andernfalls würden sie die Hochzeit zwar nicht verbieten, allerdings ein klärendes Gespräch vorschlagen. Die Mitglieder des „clearness committee“ werden das Hochzeitspaar auch nach der Hochzeit in ihrer Ehezeit betreuen. Das bedeutet, dass das Paar jederzeit einen Ansprechpartner hat, sollte es zu Problemen kommen. Das „clearness committee“wird auch einberufen, wenn sich jemand entscheiden sollte, Mitglied der Quäker zu werden. Dabei fungiert es als eine Art „frequently asked question“­­ - Stelle. Das Mitglied in spe hat die Möglichkeit noch ungeklärte Dinge zur Sprache zu bringen, um sich Klarheit über die Quäker und seine eigene Stellung zu ihnen zu verschaffen. Ebenso kann ein „clearness committee“einberufen werden, wenn eine Familie plant, ein Kind zu adoptieren. Generell kann man das „clearness committee“ als Stützfunktion des Einzelnen innerhalb der Quäkergemeinschaft verstehen. Die Notwendigkeit, Neumitglieder in die Gemeinschaft zu integrieren, besteht meist nicht, da diejenigen, die in die Gemeinschaft aufgenommen werden zuvor meist auch schon „Mitglied“ waren, indem sie das Meeting besuchten und generell die Gesellschaft der Gruppe suchten.

Auf dem Weg zurück zum Auto konnte ich Peggy zu den Glaubenssätzen der Quäker befragen. Ich erfuhr, dass es kein festes Glaubensbekenntnis gäbe. Peggy selbst glaube auch nicht an Gott, zumindest nicht in Form eines alten Mannes im Himmel. Sie sei dem Wort „spirit“ mehr zugetan. Die Bibel spiele für die Quäker nicht die übergeordnete und glaubensstiftende Rolle wie für viele andere bibeltreue Religionen Amerikas. Sie erkennen die Bibel an, aber eher als Inspirationsquelle, denn als absolute Wahrheit. Peggy meinte hierzu, dass es Unsinn wäre, ein Buch, das vor 2000 Jahren geschrieben wurde, die absolute Wahrheit zu nennen. Dies bedeute für sie, dass alles vor dieser langen Zeit schon festgestanden hätte. Daran glaube sie nicht. Weiterhin glaube sie an Jesus, an seine Existenz und Wirkung. Sie glaube aber nicht, dass er gestorben sei, um uns von unseren Sünden zu befreien und das letzte Opfer darstellt. Peggy meinte dazu lapidar, dass es sich um einen politischen Mord gehandelt hätte. Sofern Jesus wiederkehren sollte – diese Möglichkeit hat sie nicht ausgeschlossen –, so nicht in physischer Form, sondern spirituell, in jedem von uns.

Über den Irakkrieg und Amerikas Kampf gegen den Terrorismus äußerte sie, dass man jetzt zwar den Krieg gegen den Terrorismus führt, sich aber überhaupt nicht überlegt, wieso diese Anschläge überhaupt vollführt wurden.

Generell bedeute Quäker sein auch und vor allem, individuell zu glauben. Es geht nicht darum, einen Glauben vorzuschreiben als eine Erkenntnis, zu der jeder Einzelne gelangen muss. Die Übereinkunft ist wohl eher: dass man glaubt. Überhaupt. Ganz egal auf welche Weise. So ist es auch zu erklären, dass nicht nur „reine“ Quäker Teil dieser Gemeinschaft sind, sondern sich auch Juden, Sikh, Presbyterianer und viele mehr als Mitglieder dieser religiösen Gemeinschaft zählen. In dieser Tradition kann man auch das „Meeting“, das „religiöse“ sonntägliche Zusammentreffen der Quäker verstehen. Peggy meinte zu mir, dass die Quäker ihr Leben dem Gedanken: „to pay more attention“ widmen. Das Schweigen, das nötig ist, um aufmerksamer durchs Leben zu schreiten praktizieren sie nicht nur im sonntäglichen Meeting. Generell erscheinen Quäker, zumindest diese, die ich kennen lernen durfte, als sehr aufgeschlossene, aufnahmebereite und aufmerksame Menschen. Je nach Glaubensstärke und Manifestation im alltäglichen Leben werden auch Schweigegebete vor dem Essen abgehalten. Peggy zählt nicht zu dieser Art. Schweigegebete finden bei ihr nur anlässlich größerer, festlicher Essen statt. Peggy selbst hat einen „normalen“ amerikanisch-protestantischen  Hintergrund. Sie wandte sich allerdings von dieser Art des Glaubens ab, da sie nicht einsehen wollte, dass sie ein schlechter Mensch sei, wie es ihr im Gottesdienst immer suggeriert wurde. Sie erzählte mir hierüber:

„When we were living in Europe and South America, we attended whatever American Protestant church was there – usually not a particular denomination, but instead a broader ecumenical protestant group. As a child I didn’t think about it at all, of course – it was simply what we did. But now, I wonder what kinds of doctrinal difficulties arose for the pastor of such a mixed group. When we were living near Washington D.C. in the 60’s, we attended a Presbyterian church, not because of its doctrine, but because of its location, and because my parents felt it was the best ‘fit’ for our family. Since I stopped going to church when I was in highschool, I didn’t identify with any denomination until I began attending Meeting when I was 28.”

Schwierig war für Peggy die Frage zu beantworten, was zuerst käme, der Glaube oder die Gemeinschaft. Ich zielte mit dieser Frage auf die Präferenz ab, nach der man Mitglied einer Konfession, beziehungsweise speziell der Quäker, wird. Diese Frage bot sich gerade bei dem stark ausgeprägten Gemeinschafts- und Sozialcharakter dieser Quäkergemeinschaft an. Peggy legte sich in ihrer Antwort nicht klar fest, worin ihre Priorität liege. Allerdings sei ihr die „community“ sehr wichtig. Sie verdeutlichte die Bedeutung, die die Gemeinschaft für sie hat, mit einem schönen Vergleich: Die Gemeinschaft gäbe ihr das Gefühl, statt mit bloßem Auge,   mit einem Fernglas auf die Welt zu sehen. Man erlange eine viel breitere und detailiertere Sichtweise. Das macht im Hinblick auf den Glaubensindividualismus der Quäker auch durchaus Sinn.

Die Praktizierung ihres Glaubens ermöglicht sich Peggy am ehesten in ihrem Garten. Erst kürzlich haben sie und ihr Mann Bill ihr Grundstück um ein fünf Hektar großes Brachland vergrößert. Dort versucht sie jetzt, die ursprüngliche Vegetation wieder aufleben zu lassen. Bei der Gartenarbeit, wenn sie ihre Finger in die Erde graben kann, fühle sich Peggy ruhig und dem „spirit“ sehr nah bzw. sie spürt den „spirit“ in sich. Daher wurde Peggy Dyson-Cobb auch in ihrem Element, ihrem Garten, porträtiert. Peggy und Bill haben drei Töchter. Eine von ihnen geht auf ein reines Quäker-College.

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3. Phil und Daphne Hyre

Am 9.4.06 traf ich mich früh mit Phil, dem Schatzmeister der Quäker, und seiner Frau Daphne. Die beiden hatten sich kennen gelernt, als sie in derselben Kommune lebten. Wir fuhren gemeinsam zum Meeting der Quäker nach Buena Vista, einem sehr kleinen Ort nahe Lexington, Virginia. Im Meeting-Gebäude, dass die Gemeinschaft 1995 kaufte, gibt es neben dem großen quadratischen Meeting-Raum mehrere kleine Räume, in denen Kinder während des Worship betreut werden und auch eine Art Sonntagsschule stattfindet. Den Unterricht übernehmen verschiedene Mitglieder der Gemeinde. Auch Daphne, die Jüdin ist, übernimmt gelegentlich den Unterricht und erläutert auch Inhalte jüdischen Glaubens. Auch Mukanday Moore, eine Sikh-Quäkerin, hält den Unterricht ab und vermittelt somit auch Wissen indischer Kulturen. Daphne ist kein registriertes Mitglied der Gemeinschaft. Dennoch ist sie stark in die Organisation des Meetings integriert und sorgt für die Instandhaltung des Meetinghauses.

Der worship-Raum ist mit hölzernen Kirchenbänken gefüllt. Jeweils drei Reihen hintereinander in quadratischer Anordnung. Vereinzelt stehen noch einige Stühle im Raum, in den hinteren Reihen, darunter ist auch ein Schaukelstuhl. Der Gottesdienst wird schweigend abgehalten. Am 9. April waren 28 Menschen zum Gottesdienst erschienen. Kinder waren nicht darunter. Genau an diesem Sonntag wurden sie zu anderen Gemeinden in und um Lexington geschickt, um an deren religiösen Leben und die Praxis um Ostern herum teil zu nehmen, denn Quäker feiern Ostern nicht, denn, so Peggy,: „every day is special, not just this day“. Auf diese Weise werden die Kinder von Anfang an mit einem Gedanken religiöser Liberalität sozialisiert. Mukanday Moore, die Sikh-Quäkerin, war es, die mir von diesem Austausch erzählte. Mukanday selbst ist praktizierende Sikh, wird aber als festes Mitglied der Quäker gerechnet. Seit ihrer „Transformation“ zur Sikh hat sie ihren Lebenswandel ihrem Glauben angepasst. Sie meditiert und praktiziert Yoga gleich nach dem Aufstehen und wirkt generell vollkommen ausgeglichen und in sich ruhend. Aber zurück zum Meeting: Die Quäker setzen sich hin und schweigen. Auch ich saß in einer der hinteren Reihen und schwieg. Ich wurde im Vorhinein darauf vorbereitet, dass oft über eine Stunde geschwiegen wird. Niemand sagt ein Wort. Ich hatte dann aber doch Glück und durfte einen sehr intensiven Schweigegottesdienst erleben. Wie ich bereits erwähnte, ist es das Anliegen der Quäker, aufmerksamer zu werden. Das Schweigen dient einer Art inneren Aufmerksamkeit. Mukanday erklärte mir bei einem späteren Treffen den inneren Prozess während des Meetings als eine Art Filtersystem. Man sitzt in Stille und lauscht auf den „spirit“ in einem. Durch diese Art Filtersystem kann sich während des Schweigens ein bestimmter Gedanke verdeutlichen. Ein Gedanke, der von Filterstufe zu Filterstufe immer deutlicher wird. Irgendwann hat man dann das Bedürfnis, diesen Gedanken zu äußern – to quake. Daher stammt auch die Namensgebung der Quäker,  abgeleitet von „earthquake“, etwas, das an die Oberfläche dringen möchte. Dieses Etwas, der eine bestimmte Gedanke, kann völlig unabhängig sein von Raum und Zeit. Es ist nicht einmal gesagt, dass der Gedanke für die Allgemeinheit Sinn ergeben muss.

Während der anderthalb Stunden Schweigen äußerten drei Menschen ihre Gedanken. Der erste Mann teilte uns von seiner erst kürzlich gestorbenen Tochter mit. Und dass die Trauer ihn fast umbringe. Aber andererseits sei er auch dankbar für das Gefühl der Trauer. Er sagte noch mehr. Aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Die Ehrfurcht vor dem Ereignis verbot es mir, während des Meetings zu schreiben. Auch Daphne teilte der Gemeinschaft einen Gedanken mit. Die letzte Person war eine ältere Dame, die von den Schrecken des Naziregimes berichtete.

Nach Ende des Meetings bedanken sich ab und zu einige Mitglieder bei denjenigen, die sich während des Meetings äußerten. Oft macht ein geäußerter Gedanke für einige Personen im Raum Sinn und beinhaltet genau das, was diese in diesem Moment benötigten.

Das Meeting ist beendet, wenn einige Quäker aufstehen und ihren Nebenmännern die Hände schütteln, was dann von allen Mitgliedern aufgenommen wird.

Wichtig ist es hierbei den Unterschied zwischen einem so genannten „unprogrammed meeting“, wie es diese Quäkergemeinde praktiziert und den „programmed meeting“. „Unprogrammed meetings“ werden generell in Stille abgehalten, während „programmed meetings“ durchaus von Gesang und Lesungen aus der Bibel geleitet werden können. Die Friends General Conference (FGC) unterscheidet Meetingarten und damit Quäkergemeinden in „independent“ und „conservative“. Die Gemeinde in Lexington zählt zu den „independent“. Peggy selbst konnte mir den Unterschied zwischen dem „programmed“ worship einer konservativen Quäkergemeinde und einem „normalen“ christlichen Gottesdienst nicht erläutern. Auch die FGC beurteilt „conservative quakers“ als eher bibeltreu[1].

Ein weiterer Bestandteil der Quäkertreffen ist das „Potluck“. Dies ist zwar eine generelle amerikanische Tradition, wird von den Quäkern aber auch als Teil des Ritus gesehen – so auch bei der Hochzeit – ich werde später darauf eingehen. Direkt im Anschluss an das Meeting meldete sich eine Frau zu Wort. Sie sei Mitglied des Friends Committee on National Legislation (FCNL), der offiziellen Lobbygruppe der Quäker mit Sitz in Washington D.C. Ich war zunächst sehr erstaunt, da ich nicht wusste, dass die Quäker Lobbyarbeit leisten. Die wesentlichen inhaltlichen Punkte der Organisation sind: „torture“, „environment“, „against war“ und „against nuclear weapons“.

Die FCNL besteht aus ca. 30 Mitarbeitern und arbeitet auch mit Evangelikalen und rechtlich angesiedelten Konfessionen zusammen, so z.B. auch mit den Roman Catholics. Nach Aussage dieser Frau hätten sie gar keine andere Wahl. Wenn sie Einfluss ausüben wollten, müssten sie ihr politisches Gewicht vergrößern.

Nach dem Meeting fuhr ich mit Phil, Daphne, Monika und ihrer 15-jähriger Tochter hinaus zum Mount Plesant. Im Gegensatz zu Peggy manifestiert sich Phils Glaube zwar auch in der Nähe zur Natur. Statt der Gartenarbeit bevorzugt er aber Hiking. Daher wurde Phil auf dem Gipfel von Mount Plesant porträtiert.

Eine Erkenntnis dieses Tages ist die Tatsache, mit welchem Selbstverständnis sich schon Jugendliche als Quäker bezeichnen. Die Tochter von Monika, einer deutsche Immigrantin,  bezeichnet sich, obwohl ihre Mutter nicht eingetragenes Mitglied der Quäkergemeinschaft ist, bereits mit 15 Jahren als Quäkerin. Zumindest fühle sie sich den Quäkern am ehesten zugehörig. Peggy selbst berichtete mir in einer späteren Mail von der Tatsache, dass Jugendliche sehr selbstverständlich mit ihrem Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Konfession umgehen. Sie zeigte sich über diesen Umstand auch überrascht. Vielleicht ist dieser Umstand auch der Einzigartigkeit der Quäkergemeinden zuzuschreiben. Als Auffangbecken derjenigen, die sich von einer Religion nicht mehr erzählen lassen wollten, sie seien schlechte Menschen, verkörpert die Quäkergemeinde vor allem ein Gefühl von Freiheit in einer doch sozial „gesicherten“ Umgebung. Weitere Kennzeichen sind Respekt gegenüber dem Einzelnen und dessen Einzigartigkeit, Pazifismus, Liberalität. Vor dem Hintergrund solcher Werte erscheint es nicht sonderlich eigenartig, dass Jugendliche, die mit diesen Werten in Kontakt kommen, sich freimütig dieser Gemeinschaft und der von ihr vermittelten Werten zugehörig fühlen und zeigen. Natürlich sollte man nicht die soziale Komponente unterschätzen, die andere religiöse Gemeinden in Zeiten verstärkter Individualisierung bieten. Vielleicht sind die Quäker als Gruppe von Individuen, die zwar weniger Handlungsstränge vorgeben als andere Gemeinden, dennoch aber sozialen Rückhalt bieten, als Alternativbewegung hierzu zu verstehen.

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4. Katherin, Sandra und die Quäkerhochzeit

Am Morgen des 11.4. holten mich Sandra und ihr Ehemann vom Hotel ab und wir fuhren hinaus in einen Nationalpark zur Hochzeit von Neil und Hannah, der bereits erwähnten Quäkerhochzeit. Ich bin nach wie vor sehr dankbar, dass ich an so einer privaten Zeremonie teilnehmen durfte, was ich als alles andere als als selbstverständlich erachte. Auch die Hochzeitszeremonie wurde in Stille abgehalten. Die Stühle für die Hochzeitsgesellschaft wurden kreisförmig aufgestellt. Im innersten Kreis saßen maide and groom, rechts und links von ihnen ihre engsten Familienmitglieder. Weiterhin im innersten Kreis saßen Elisa, Katherin, die Protokollführerin der Quäkergemeinde, und Sandra, welche die vom Brautpaar bestimmten Mitglieder des „clearness committees“ waren und somit auch das Zeremoniell durchführten, wobei in diesem Fall eher von „begleiten“ die Rede sein sollte. Einleitend erläuterte Katherin für die Anwesenden, unter denen auch viele Nicht-Quäker waren, den Ablauf der Hochzeit. Zunächst ertönte eine Glocke. Daraufhin traten maid und groom Hand in Hand in den Kreis und nahmen Platz. Jetzt begann der Worship, der schweigend abgehalten wurde. Wenn groom und maid zu religiöser Klarheit, Einigkeit gelangt sind, stehen sie auf. Dann gaben sich beide ihr Ja-Wort. Sie sprachen selbstformulierte Gelöbnisse und wurden von niemandem angeleitet, da der Rest der Gesellschaft weiterhin schwieg. Anschließend wurde eine von beiden entworfene, persönliche Quäkerurkunde in den Kreis getragen, auf der beide mit ihrem neuen Namen unterschrieben. Anschließend verharrte man weiterhin im Schweigen. Ähnlich dem Gottesdienst konnten sich die Gäste nun erheben, sollte sich ein Gedanke, Wunsch für das Brautpaar verdeutlichen. In dieser Zeit konnte jeder Hochzeitsgast seine Glückwünsche verlautbaren. Schließlich wird auch dieser worship beendet, wenn die Quäker aufstehen und einander die Hände reichen. Im Anschluss an das Zeremoniell unterschreibt jeder Gast der Hochzeit als Zeuge der Vermählung auf der Urkunde. So auch ich. Auch bei der Hochzeit ist das Potluck fester Bestandteil – jeder Hochzeitsgast wird gebeten, etwas Selbstgemachtes mitzubringen. Die Rezepte werden anschließend in einem kleinen Album gesammelt. Ein netter Brauch. Ohne dies allzu oberflächlich klingen zu lassen, auch rein äußerlich konnte man während der Hochzeit die Quäker von den Nicht-Quäkern deutlich unterscheiden – zumindest was die Gäste betraf, da das Brautpaar an sich sehr festlich und traditionell gekleidet war. Dementsprechend war ich mit meiner vorherigen Frage, was man denn tragen solle, gar nicht so fehl am Platz. So erfuhr ich – entsprechend dem naturnahen Lebensstil vieler Quäker – dass Quäker eher immer Sorge haben, „overdressed“ zu sein, als „underdressed“. Ihre Kleidung ist praktikabel, bequem, unprätentiös und einfach. Vielleicht kann man hierin auch Überreste der frühen Quäker, die eine Art graue Kutten trugen, sehen.

Eine Erwähnung wert ist noch Katherine Smiths Weg zu den Quäkern. Als einzige Person, die ich kennen gelernt habe, ist Katherine Quäkerin in mindestens dritter Generation. Generell bezeichnend für die Gemeinde ist, dass niemand mir von Schicksalsschlägen erzählte, aufgrund derer er Mitglied der Quäker geworden wäre oder sich ihnen zugewandt habe. Anscheinend ist der Großteil der Mitglieder entweder der sozialen Komponente wegen – was niemand bestritt – oder aus der reflexiven Auseinandersetzung mit der früheren Gemeinde heraus zu den Quäkern „konvertiert“.

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5. Elisa und Boxerwood Gardens

Den 12. April, meinen letzten Tag bei den Quäkern, verbrachte ich mit Elisa, die ich schon am Tag zuvor bei der Hochzeit kennen lernte. Bezogen auf die Tradition, ist Elisa eine strengere Quäkerin. So wird zum Beispiel vor jeder gemeinsam eingenommenen Mahlzeit ein kurzer Schweigemoment abgehalten. Sie studierte Literatur in Harvard und war bis 2005 als Literaturlehrerin an einem Mormonen-College in Buena Vista tätig. Zweimal innerhalb kurzer Zeit ereilte sie das Schicksal, wie sie meinte. Als sie nach den Ferien zur Arbeit fahren wollte, kollidierte sie mit einem Amerikaner, der soeben seinen Urlaub in England beendet hatte und auf der falschen Straßenseite fuhr. Sie brach sich einige Knochen. Nach den darauf folgenden Ferien erhielt sie die Diagnose Brustkrebs. Sie hatte schon vor diesen Ereignissen das Bedürfnis den Beruf zu wechseln, fühlte sich jetzt aber zunehmend verunsichert. Sie berief ein „clearness committee“, dem sie ihre Bedenken darlegte und das ihr half, zu einer Entscheidung zu gelangen. Sie kündigte ihren Job und ist nun seit August 2005 in Boxerwood Gardens tätig. Boxerwood Gardens ist ein von einem Arzt als Hobby angelegter Park. In ihm wachsen viele einheimische und ausländische Gewächse. Nach dem Tod des Arztes ging der Park in den Besitz der zuständigen Gärtner, einem lesbischen Paar über. Sie entschieden den Park für die Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Heute werden vor allem Schulklassen durch den Park geführt. Sie sollen dort etwas über die Bedeutung der Natur und regenerative Energie- sowie Reinigungsmethoden lernen. Elisa ist von der Regierung angestellt, um Aufklärungsarbeit dort zu leisten, wo sie noch im Keim erstickt werden kann. Sie versuchen, den jugendlichen und erwachsenen Besuchern ein Umweltbewusstsein zu vermitteln.

Während ihrer schweren Krankheit konnte Elisa auf die Unterstützung der Friends setzen. Viele kochten für ihre Familie und halfen aus, wo Hilfe benötigt war. Kennzeichnend für Elisas Bedürfnisse während und nach der Krankheit und ihr spirituelles Erlebnis steht das Feld, in dem sie porträtiert wurde. In einem Feld zu stehen, durch das der Wind strömt, sei für sie pure Energie und tue ihr einfach gut.

Ich bitte zu entschuldigen, dass der Versuch, zu interpretieren an einigen Stellen der Schilderung scheinbar unwichtiger Details gewichen ist. Es fällt mitunter nicht leicht, in einer Gemeinschaft, in der das Individuum im Vordergrund steht, den dahinterliegenden institutionellen Charakter ausfindig zu machen. Allerdings stecken in jeder Geschichte, die hier geschildert wurde auch Merkmale, die für diese Quäkergemeinschaft Allgemeingültigkeit besitzen.

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[1] Vergleich siehe URL: http://www.quakerfinder.org/quaker/near/VA/Lexington/12361, Stand 4.7.06.