First Baptist Church

First Baptist Church - Transformation Mnistries

 

Feldbericht von Lena Domröse

(Aufenthalt: 13-17. April 2006)

 

INHALT:

  1. Mitglieder und Selbstcharakterisierung der Gemeinde
  2. Aktivitäten der Kirche: Street Ministry, Prison Ministry, Worship and Arts Ministry
  3. Ablauf und Besonderheiten des Gottesdienstes: Prayer Requests, Neumitgliedschaft
  4. Person des Pastors, seine Predigten und sein Verhältnis zur Politik

 

1. Mitglieder und Selbstcharakterisierung der Gemeinde

Diese Kirche beschreibt sich selber als außergewöhnlich, unkonventionell und charismatisch. Sie versteht sich nicht als typische Baptistenkirche. Weil die Mitglieder bzw. Pastoren mit bestimmten politischen Einstellungen/Regeln der Southern Baptists nicht einverstanden waren - darunter fallen das Verbot weiblicher Priester und die Diskriminierung von Afroamerikanern - traten sie aus der Southern Baptist Convention aus.

Die ca. 800registrierten Mitglieder der Kirche sind vorwiegend African American und weiblich, wobei es auch eine Handvoll Caucasians und Hispanics gibt. Der sozioökonomische sowie der Bildungshintergrund sind sehr heterogen. Von allen registrierten Mitgliedern sind ca. 400 in der Gemeinde „aktiv“, das heißt, dass sie den Zehnt bezahlen und dadurch beweisen, dass sie das Prinzip verstanden und eine persönliche Beziehung mit Gott haben. Die Kirche hat viel „Durchgangsverkehr“, denn viele Studenten von Charlottesville sind eigentlich Mitglieder anderer Gemeinden und besuchen die TMFBC nur für die Zeit ihres Studiums.Die meisten Mitglieder sind aus der unmittelbaren Umgebung aber es gibt auch einige, die bis zu 40 Meilen Anfahrtsweg haben.

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2. Aktivitäten & Ministries der Kirche: Street Ministry, Prison Ministry, Worship and Arts Ministry

Die Kirche hat viele Ministries (geistliche Ämter), die sich für unterschiedliche Belange einsetzen. Das Street Ministry, das aus vier Leuten besteht, geht jeden Mittwoch Abend in einem bestimmten Neighborhood  von Charlottesville von Tür zu Tür und erzählt den Menschen von der Existenz der Kirche, lädt sie zu Gottesdiensten o. ä. ein. Es kommt vor, dass die street ministers abgewiesen werden, aber manchmal singen oder beten sie auch mit denen, die ihnen die Tür aufmachen und die, in Ausnahmefällen, nur „auf einen Boten Gottes gewartet haben“.

Das Prison Ministry, das von Deacon Irving Moody geführt wird, ist auf seine eigene Initiative hin und auf seiner Erfahrung basierend entstanden. Als Sträfling hat er selber sieben Jahre im Gefängnis verbracht und, obwohl anfangs skeptisch, schließlich an Gefängnis-Bibelstunden teilgenommen. Sein Conversion-Experience beschrieb er folgerndermaßen: Nachdem einer seiner zwei Brüder ermordet wurde, fühlte Moody sich von Gott verlassen und stellte ihn in Frage. Er beschloss ihn noch ein letztes Mal zu „testen“ und erhielt ein Zeichen. Sein zweiter Bruder, der wegen einer Straftat ins Gefängnis gehen musste, wurde zu Moody in dieselbe Zelle gesperrt - ein Verfahren, das absolut unüblich ist. Das war für ihn der Beweis der Existenz Gottes.

Als Moody entlassen wurde, wollte er anderen Häftlingen das ermöglichen, was er selber durch Gott gelernt hatte: den Lebensstil zu ändern und dadurch nicht wieder rückfällig zu werden. Als er sich in der TMFBC  vorstellte, wurde er zunächst zum Putzdienst abgestellt, aber nach einiger Zeit arbeitete er sich nach oben und gibt nun jede Woche selbst zwei Mal Bibelstunden im Ablemarle-Charlottesville Regional Jail. Mit Hilfe eines bewährten 12-Schritte Programms, dem Overcomers Program (siehe Kopie), soll der ewige Kreislauf des Rückfalls in die Kriminalität gebrochen und eine „healthy intimicy with God“ hergestellt werden.Seiner eigenen kriminellen Vergangenheit und Gefängniserfahrung halber ist Moody für die Kriminellen eine glaubhafte Figur. („I know, where they are coming from.“)

Das Prison Ministry und das Street Ministry gehören beide dem Outreach Ministry an. Das Food Box Ministry, das ebenfalls unter Outreach geführt wird und normalerweise jeden dritten Donnerstag Essenspakete aus Spenden der Food Bank für Bedürftige gepackt hat, ruht momentan, da es zu Missbrauchsfällen kam. Weitere Ministries sind das Education Ministry, das Finance/Administration Ministry, das In-reach/Familiy Ministry, das Operation Ministry, das Ministry für Pastoral Support, das INC (Youth) Ministry Team und schließlich das größte aller Ministries, das Worship and Arts Ministry. Letzteres umfasst all diejenigen, die für die Organisation und Gestaltung des Gottesdienstes zuständig sind, z.B. die Greeter, die die Gottesdienstbesucher begrüßen und die Usher, die in der Kirche für Ruhe sorgen oder Fächer verteilen, wenn es zu heiß ist. Zum Worship and Arts Ministry gehört auch das Praise Team.

Das Praise Team besteht aus vier Leuten und „its purpose is to set the atmosphere for the worship service“. Mit Gesang, als andere Form der Lobpreisung Gottes, macht das Praise Team den ersten Schritt in der Chronologie der in Extase und emotionalen Ausbrüchen mündenden Gottesdienste dieser Kirche. Es folgen normalerweise Auftritte verschiedener Karar Dance – Gruppen, die das Wort Gottes tänzerisch ausdrücken. Jede Geste bedeutet etwas und die zusätzlichen Elemente (Schleifen, Bänder), die sie einsetzen, dienen der künstlerischen Untermalung. Die Karar-Gruppen tanzen entweder auf dem Podium oder in den Gängen der Kirche. Sie tragen Kostüme oder weiße lange Gewänder aus Seide, die extra von anderen Kirchenmitgliedern genäht worden sind. Bei der Bekleidung gibt es bestimmte Regeln zu beachten, z.B. müssen die Kleider weit sein und bestimmte Körperpartien bedecken. „Furthermore, you should wear a spezial bra so that „things“ don’t jump up and down“, erklärt mir Albveta Nash, die Leiterin des Karar Dance Ministries, zeigt auf ihre Oberweite und muss lachen. Bei den verschiedenen Gottesdiensten, an denen ich teilnehme, ist das Dance Team immer präsent; entweder durch die Kindergruppe, die Frauengruppe oder Einzeltänzerinnen.

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3. Ablauf und Besonderheiten des Gottesdienstes: Prayer Requests, Neumitgliedschaft

Nach dem kulturellen Programm der Gottesdienste, das ungefähr die Hälfte der Zeit ausmacht, folgt tosender Beifall und standing ovations, die dem ganzen fast schon Showcharakter geben. Es ist das erste Mal, dass ich in einer Kirche Applaus erlebe.

Danach werden alle Besucher aufgefordert, jeweils mindestens einen Unbekannten zu begrüßen. Dieser feste Bestandteil der Gottesdienste führt manchmal dazu, dass sich der ganze Sanctuary in Bewegung setzt und man sich in den Armen wildfremder Menschen wieder findet, die einen herzlich drücken. Im Allgemeinen folgt dann die Aufforderung „to tithe“. Ca. 10% ihres Einkommens sollen die Mitglieder in einen Beutel werfen, an dem sie alle hintereinander und von seichter Lifemusik und rapähnlichen Ermutigungen einer der Associate Pastor begleitet, vorbeiprozessieren.

Während der gesamten Zeit sind Dramatik und wachsende Energie zu spüren. Menschen strecken die Arme in die Höhe, wiegen sich mit geschlossenen Augen zur Musik, stampfen plötzlich mit dem Fuß, rufen „Amen“, „Halleluja“ und „That’s right“. Viele haben Tränen in den Augen, manche weinen laut. Auch die Nacherzählung der Kreuzigung Jesu en detail ist eine weitere Stufe in der Dramaturgie, die mich in ihren Bann zieht. Jederzeit erwarte ich, dass das Faß überläuft oder dass jemand total ausflippt. Die Predigten des Pfarrers verlaufen alle ähnlich. Er beginnt leise, z. T. müde und steigert sich dann in die Predigt herein. Ruft, schreit, wettert. Es hagelt Vorwürfe an die Adresse von Pseudokirchengängern und Aufforderungen, fast schon Befehle, sich zu seinem Christ-Sein auch öffentlich und sichtbar zu bekennen.

Die Besonderheit einiger Gottesdienste ist das Schreiben von Prayer Requests. Jeder kann dabei in einigen Worten einen Wunsch, eine Sorge notieren, für die dann gebetet wird bzw. derer Gott sich annimmt. “And I don’t want you to write novels. Just one word like “Healing” or “Forgiving” is enough. God knows what you need and want anyway.“ sagt Pastor Bruce Beard. Fast jeder, auch die, die am Resurrection Sunday (Ostersonntag) bisher eher gelangweilt die Vierstunden-Predigt „ausgehalten“ haben, schreiben nun Wünsche auf ihre Zettel, die dann von den Ushern eingesammelt werden. Die Atmosphäre ist ergreifend, man ist förmlich in einem Sog und emotional sehr berührt (oft den Tränen nahe). Die übersprudelnden Gefühle vieler Teilnehmer  bringen jeden in einen Zustand der Selbstreflexion, sodass es kein Problem ist, irgendwo einen Wunsch oder ein ungelöstes Problem zu finden, das man in die Prayer Request-Behälter legen könnte.

Ein typisches Zeremoniell der Gottesdienste der Transformation Ministries ist auch das „Bekennen“ oder „Nachhausekommen“ von Anwesenden zu Gott. Der Pastor verkündet, dass es nun Zeit sei, für die Zweifler den Schritt zu machen „sich Gott anzuvertrauen“ und nach vorne zu kommen, um von einem der Associate Pastors in Empfang genommen zu werden. Die Luft wird zum Schneiden dick, wenn Pastor Bruce Beard verkündet, er spüre genau, dass es hier einen gibt, der schon lange ringt und dass es doch nun endlich Zeit wäre, zu Gott zu  kommen…. Aber keiner kommt. Nach mehreren Minuten der Ermutigung und leiser Klaviermusik fordert er denjenigen nochmals auf nach vorne zu kommen. Die Gemeindemitglieder gucken sich um, die Spannung steigt merklich an. Fast hat man Angst, später nicht gehen zu dürfen, wenn sich nicht einer findet, der zu Gott kommen möchte. Die Situation wird völlig überspannt und ich frage mich, ob es vielleicht bald jemand leid sein wird, hier festgehalten zu werden und einfach nach vorne geht, um die Situation aufzulösen.

Irgendwann kommt ein schlaksiger junger Mann den Gang lang. Es scheint, als befinde er sich in einem tranceähnlichen Zustand. Die Gemeinde klatscht, weint, ruft „Amen“ und hält sich bei den Händen, feiert gemeinsam diesen großen Schritt. Der Pastor nimmt ihn in die Arme und hält ihn mindestens drei lange Minuten fest. An den zuckenden Schultern erkennt man, dass der Mann weint.

Dieses Ritual ist ein gängiger Weg, neue Gemeindemitglieder zu gewinnen. Das zukünftige Mitglied wird von einem Associate Pastor in einen kleinen Raum begleitet, in dem es eine Art Transformation Ministries- „Starter Kit“ erhält, das die organisatorischen und strukturellen Informationen der Gemeinde beinhaltet und in dem ein Church Membership and Decision Record erstellt wird (siehe Kopie). Die Teilnahme an einer New Members Training Class, in der dem Neumitglied „spiritual and practical orientation“ bezüglich der Kirche vermittelt werden soll, wird dringend empfohlen, ist aber kein Muss.

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4. Person des Pastors, seine Predigten und sein Verhältnis zur Politik

Der Pastor hat eine wichtige Rolle in dieser Kirche. Seinen Angaben zufolge war dies eine „tote Kirche“, als er vor 13 Jahren kam. Doch auch andere Gemeindemitglieder sagen mir, dass sie den Pastor sehr schätzen und seine Predigten mögen. Für die jüngeren liegt das sicher daran, dass er viel in der Jugendsprache spricht (nicht von der hohen Kanzel herab) und vor allem viele witzige Anekdoten erzählt. Beim freiwilligen Gesangsworkshop am Samstag mischte er sich unter die Gemeindemitglieder.

Trotzdem hatte ich den Eindruck, er befinde sich in exponierter Position. Als nach dem 6.00 Uhr Resurrection-Gottesdienst am Ostersonntag ein Frühstück im Gemeinderaum stattfand, saßen er und seine Frau (die First Lady und Pastorin Gardenia) an einem Extra-Tisch und tranken und aßen von echtem Porzellan, wobei alle anderen nur Styroporbecher und -teller bekamen. Zwei seiner Associate Pastors waren ständig um ihn herum, saßen auch im Gottesdienst neben ihm, und vermittelten ein wenig den Eindruck von Leibwächtern.

Bruce Beard kommt aus christlichem Hause ohne jedoch das Konzept vom Glauben wahrhaft verstanden zu haben, wie er sagt. Er wuchs zunächst in ärmlichen, später dann Mittelklasseverhältnissen auf und ging auf eine African American- Schule. Seine Freunde waren z. T. kriminell und er erlebte Street Violence schon in jungen Jahren. Er fand den Weg zu Gott langsam, nachdem er beschlossen hatte, mit dem Beten anzufangen. Der Auslöser dafür war unter anderem, dass er Zeuge einer Erschießung wurde. Sein Leben änderte sich von da an langsam aber merklich. Beruflich sammelte er verschiedene Erfahrungen: Er war Psychologe, Versicherungsangestellter und Manager für Pepsi. Irgendwann wusste er einfach, dass er „berufen“ war und kündigte. Er studierte „Ministry“, erlangte den Doktortitel und übernahm die Kirche in Charlottesville. Theologie hat er nie studiert, was man seinen Predigten und Bibelstunden anmerkte, denn es ging immer mehr um die Praxis des Vermittlens als um die Theorie. Das „Wie“ schien wichtiger als das „Was“. Beard kam in seinen Predigten und der einen Bibelstunde, die ich miterlebte, immer sehr schnell vom Bibeltext zur Gegenwart und redete dann über das „Heute“, ohne die Interpretation völlig auszuschöpfen bzw. ohne überhaupt oder überzeugend zu interpretieren. Er argumentierte oft oberflächlich und  stark vereinfachend. Auch seine Statistiken (über Kirchengänger in den USA), die er während des Gottesdienstes anführte, waren ziemlich absurd und deckten sich überhaupt nicht mit uns bekannten anderen Quellen oder Aussagen.

Politisch ordnet er sich eher demokratisch ein, lehnt aber eine aktive politische Teilnahme bei Republikanern oder Demokraten ab, weil er die Möglichkeit haben will„to agree to whatever idea is good, no matter which party promotes it.“ Jedoch setzt sich die TMFBC und Beard stark für die Belange von African Americans „as an oppressed group“ ein. Es gibt verschiedene Initiativen für social justice, in denen sich die Kirche für Systemveränderungen stark macht. Außerdem bietet der Pastor Beistand für African Americans an, die aufgrund von racial profiling zur Polizei gerufen werden oder denen anderweitig Unrecht wiederfährt. Wenn immer Pastor Beard soziale Ungerechtigkeit in seinen Predigten thematisiert, muss er aufpassen, dass er den richtigen Ton trifft, damit er nicht die wenigen weißen Mitglieder verprellt, wie er anführt.

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